1920-11 Brief an Loriot [Levi]

Abendroth, Flechtheim und Fetscher (Hrg.): Paul Levi, »Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie«, Schriften, Aufsätze, Reden und Briefe, Frankfurt 1969, S. 28 – 32

Werter Genosse Loriot!

Ich lese in den Zeitungen dann und wann von Ihren Geschicken, und ein Genosse hat unsere Zentrale gebeten, Ihrem Wunsche nachzukommen und Ihnen einiges über die deutschen Verhältnisse zu erzählen. Im Namen der deutschen Zentrale komme ich diesem Ihrem Wunsche nach.

Die Stellung unserer Partei in Deutschland wird im Augenblick beherrscht von der Verschmelzung mit den abgespaltenen Teilen von der USPD. Wir alle sehen in diesem Vorgang einen solchen von der größten Bedeutung. Diese Abspaltung und die Verschmelzung mit uns zieht eines der Resultate einer zweijährigen Geschichte der deutschen Revolution. Die Situation in Deutschland war die, daß eigentlich bereits von den ersten Tagen der deutschen Revolution an immer wachsende Schichten des deutschen Proletariats beherrscht wurden von den Parolen der Kommunisten. Die Kommunistische Partei selbst aber war seit wenigen Tagen nach ihrer Gründung im Januar 1919 illegal, sie mußte unter den Schlägen der Konterrevolution, unter der Verfolgung der Noskesoldaten, unter der Hetze der Polizei sich in die Illegalität zurückziehen. Sie konnte in den 1 1/2 Jahren kaum irgendwo und irgendwann öffentlich auftreten, ihre ganze Existenz war illegal. Daraus ergab sich, daß der Einfluß, den die KPD ausübte, sich nicht unmittelbar in den Reihen und in der Stärkung der Reihen der Kommunistischen Partei zeigte, sondern in den Reihen der Partei, die legal arbeiten und somit organisatorisch all die Massen in sich aufnehmen konnte, die von dem kommunistischen Gedanken erfaßt wurden: nämlich in der USPD. Ganz entsprechend dem Wachsen des kommunistischen Gedankens in Deutschland wuchs die Kraft und die Stärke des sogenannten linken Flügels der USPD, und man konnte in der Entwicklung der USPD geradezu wie in einem Manometer das Wachstum des kommunistischen Gedankens ablesen. Im Januar 1919 war der kommunistische Gedanke innerhalb der Massen der USP noch so schwach, daß die Gründung der Kommunistischen Partei kaum irgendwelchen Einfluß auf die Organisation der USPD äußerte. Im März 1919 war er bereits so stark, daß der rechte Flügel der USPD von seiner Parole der Demokratie bereits etwas nachlassen mußte und das berühmte Kompromiß von der »Verankerung der Räte in der Verfassung« mit dem linken Flügel eingehen mußte. Der linke Flügel war noch schwach genug, um diesen Kompromiß über sich ergehen lassen zu müssen. Im November 1919 war der linke Flügel bereits so gewachsen, daß er mit einer Mehrheit für den Anschluß an die Kommunistische Internationale zum Parteitage nach Leipzig kam, war aber noch schwach genug, um auch dort wieder in einem Kompromiß sich fangen zu lassen. Im Oktober 1920 war der linke Flügel stark genug, um mit der Mehrheit für die Kommunistische Internationale und für die Moskauer Bedingungen zum Halleschen Parteitag zu kommen und zugleich auch stark genug, um die organisatorischen Konsequenzen aus dieser seiner Stellungnahme zu ziehen, d. h. den rechten Flügel der Partei herauszusetzen. Wenn wir also nunmehr mit dem linken Flügel der USPD uns zusammenfinden, so ist das der Zusammenschluß mit einer erheblichen Schar proletarischer Kämpfer, die nicht nur bisher in allen großen Aktionen des deutschen Proletariats mit uns gefochten haben, sondern Massen, die in diesen langen Kämpfen eine Schulung in politischen Dingen sich erkämpft haben, die sie zu Kommunisten im besten Sinne des Wortes macht. Der Zusammenschluß und die demnächstige Gründung der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands ist also eine Konzentration der proletarischen Kräfte im besten Sinne des Wortes.

Daneben ist nicht zu leugnen, daß politisch sich auch die Bourgeoisie ganz außerordentlich konzentriert hat. Die deutsche Bourgeoisie beschränkt sich heute nicht mehr darauf, den Staatsapparat zu beherrschen, sondern sie organisiert, teils zu inner-, teils zu außenpolitischen Zwecken, starke militärische Kräfte. Eine ganze Schar bewaffneter Organisationen zieht sich heute durch Deutschland. Kleinbürger, Intellektuelle, vor allem die Bauern sind zu Hunderttausenden bewaffnet, und trotz Entwaffnungsgesetz und allem anderen starrt die Bourgeoisie in Waffen. Zu alledem ist auch das Selbstgefühl der Bourgeoisie außerordentlich gewachsen. Man sieht dies am besten darin, wie die Stellung der Mehrheitssozialdemokratie sich gewandelt hat. Während bis vor einem halben Jahr man die Mehrheitssozialdemokratie um ihre Mithilfe bei der Regierung bat, erklärt man heute der Mehrheitssozialdemokratie ganz offen und mit höhnischem Lächeln, daß man sie nicht mehr brauche. Bei der Bourgeoisie hat sie abgewirtschaftet. Leider läßt sich das in demselben Maße nicht vom Proletariat sagen. Im Proletariat hat die Mehrheitssozialdemokratie noch eine stärkere Stelle als man es in Anbetracht der Taten von Noske und auch in Anbetracht der organisatorischen Zähigkeit des deutschen Proletariats erwarten durfte, ganz abgesehen davon, daß die Mehrheitssozialdemokratie in der nächsten Zeit durch die Zerreibung des Teils der USPD, der zwischen ihnen und uns steht, auch organisatorisch einen gewissen Zuwachs erhalten wird.

Damit, daß die Sozialdemokratie die offene Mitarbeit mit der Bourgeoisie nicht mehr betreibt bezw. nicht mehr betreiben darf, daß also auch sie in die Opposition gegangen ist, gewinnt der weitere revolutionäre Prozeß innerhalb des Proletariats ein anderes Gesicht. Der Schwerpunkt der Revolution liegt heute in der Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und den Sozialdemokraten. Und dieser Prozeß ist kein einfacher, sondern bei der außerordentlich starken organisatorischen Verankerung der deutschen Sozialdemokratie – teils durch die Partei, vor allem aber in den Gewerkschaften – ist dies ein sehr zäher Kampf, in dem um jede einzelne Position heiß gestritten werden muß.

Die Zerrüttung der gesamten Wirtschaft, die steigende Arbeitslosigkeit und die steigende Not kommen unserer Agitation selbstverständlich zu Hilfe. Absolut besehen sollte man meinen, daß die Summe von Verelendung, die wir heute in Deutschland sehen, für das Proletariat unerträglich sei. Es geht aber hier ähnlich, wie das während des Krieges ging. Wer 1914 gesagt hätte, was 1918 das deutsche Proletariat an Entbehrungen ausstehen mußte, dem würde man erklärt haben, das sei unmöglich. Möglich wurde es nur dadurch, daß alles allmählich kam. So ähnlich jetzt; die Summe von Elend, die heute in Deutschland unter dem Proletariat herrscht, ist nahezu unvorstellbar und wird vom Proletariat ertragen nur deswegen, weil es sich so allmählich, so ein Pfund nach dem anderen, auf die Schultern des deutschen Proletariats legte.

Die deutsche Bourgeoisie aber, wie sie politisch ihre Kräfte zusammenfaßt, hat auch rein wirtschaftlich noch nicht verzweifelt. Die Schwierigkeiten, die sich dem Wiederaufbau entgegenstellen, sind enorm und letzten Endes überhaupt unlösbar. Trotzdem versucht die deutsche Bourgeoisie, in gewaltigen Zusammenfassungen, neuen Organisationen und Umstellungen ihrer wirtschaftlichen Kräfte eine produktive Basis zu schaffen, auf der sie glaubt weiterarbeiten zu können. Diese Vorgänge innerhalb der deutschen Bourgeoisie sind von der größten Bedeutung, und ich kann Ihnen vielleicht nächstens über diese Dinge weiteres Material schicken.

Weiter wird die deutsche revolutionäre Entwicklung beherrscht auch von der auswärtigen Konstellation. Deutschland ist nun einmal das Land, das geographisch die Vorhut Rußland gegenüber dem konterrevolutionären Westen darstellt. Insofern gewinnt die Frage der Westpolitik gegenüber Sowjetrußland für Deutschland die größte Bedeutung. Freilich ist das deutsche Proletariat auch in diesen Dingen zäher, als man es wünschen möchte. Nur einmal schien das deutsche Proletariat konkret die Frage begriffen zu haben: Mitte dieses Jahres, als die russischen Armeen vor Warschau standen. Dort setzte wenigstens eine Bewegung ein, wenn sie auch zu konkreten Resultaten kaum führte. Die auswärtige Situation kann aber in den nächsten Wochen oder Monaten bereits eine ähnliche werden wie im letzten Sommer, denn ich rechne damit, daß Frankreich nach dem Scheitern Wrangels unmittelbar versuchen wird, den Kampf durch Polen weiter zu führen.

Das ist ein ungefähres Bild, das ich Ihnen von der deutschen Situation geben kann. Ich bin gern bereit, wenn Sie über irgendwelche Punkte genauere Nachrichten haben wollen, Ihnen damit zu dienen.

Ich wünsche Ihnen, daß Ihnen die Zeit nicht all zu lang werde und daß Sie bald wieder frei in der freien Republik Ihre Kräfte rühren können.

Mit bestem Gruß

gez. Paul Levi

Anmerkung:

1. Levi schilderte auf Bitten der französischen Kommunisten ihrem Parteiführer Loriot die politische Lage in Deutschland Ende 1920. Der Brief trägt das Datum des 23. November 1920. Der Durchschlag des Briefes befindet sich in der »Library for Political Studies«, New York.

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Une Réponse to “1920-11 Brief an Loriot [Levi]”

  1. Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Says:

    […] Paul Levi: Brief an Loriot (1920) * Max Seydewitz: Unser Kampfprogramm (1930) * Victor Serge: Une réponse à Trotsky (1939) * […]

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