1920 Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse [Bogdanov]

I

Was ist Wissenschaft?

Untersuchen wir diese Frage an einem Beispiel. Nehmen wir eine der reinsten, der »erhabensten«, d. h. der Arbeitermasse zugänglichsten Wissenschaften: die Astronomie. Die Keime dieser Wissenschaft führen zurück in die früheste Morgenröte des menschlichen Denkens. Der Wilde wußte aus Erfahrung von den Himmelskörpern mehr als neun Zehntel der jetzigen Stadt- und Landbevölkerung. Den Tageslauf der Sonne kannte er so genau, daß er nach ihrer Stellung sowohl im Winter wie im Sommer die Zeit mit Sicherheit bestimmen konnte. Er wußte, daß im Winter der Bogen des Sonnenweges kürzer und niedriger ist als im Sommer; daß die Bewegung der Sonne gleichmäßig ist und daß der höchste Punkt des Bogens, den die Sonne an einem Tage durchläuft, sich zu seiner Behausung wie zu allen anderen Gegenständen stets in der gleichen Richtung befindet. Er kannte genau jenen grellen Stern, der die Nacht über unbeweglich am Himmelsfirmament hängt, in genau der entgegengesetzten Richtung zu der Tagesmitte der Sonne; er wußte von der Lage und der Bewegung der anderen hellen Sterne um diesen unbeweglichen Himmelskörper. Er kannte die Zeiten der geheimnisvollen Veränderungen des Mondes und dessen wechsevollen Weg am Firmament. Alle diese Erfahrungen übermittelte der Urmensch seinen Nachkommen und diese wieder den ihren. Im Verlauf von Generationen vermehrte sich unmerklich dieses Wissen durch Hinzufügung neuer Bestandteile. So schritt die Aufspeicherung der astronomischen Erfahrungen ständig vorwärts, so entwickelte die primitive Astronomie sich weiter. Mit dem Beginn der ersten Zivilisation wurde diese Aufspeicherung von Erfahrungen in eine neue Phase geleitet. In der Absicht, die Zeitberechnung und die Richtung im Räume genau festzustellen, unternahmen es chaldäische, ägyptische und chinesische Priester in den Tälern des Euphrat, des Nils und des Jangtsekiang, die von den Ahnen überlieferten astronomischen Beobachtungen einzuordnen. Sie kontrollierten und vervollständigten sie durch neue Erfahrungen, sie systematisierten sie mit Hilfe der neu erfundenen Messungsmethoden und bewahrten ihr Wissen in Niederschriften auf. Durch die Gelehrten des späteren Roms, Griechenlands und Alexandriens wurde die Astronomie aus der Reihe der anderen Wissenschaften abgesondert und zu einer selbständigen Einheit gemacht: sie wurde in ein wissenschaftliches System verwandelt.

Es verging ein weiteres Jahrtausend. Zu Beginn der Neuzeit wurden neue Angaben gesammelt; eine Reihe Astronomen, mit Kopernikus an der Spitze, entdeckten im alten System Widersprüche; die angehäuften neuen Erfahrungen warfen das alte System um, und es wurde ein neues konstruiert. Im Laufe der Zeit wurden noch weitere Teilabänderungen des Systems vollzogen. In dieser Weise verläuft die Entwicklung der astronomischen Wissenschaft bis auf den heutigen Tag.

Also: Die Menschen sammelten Erfahrungen, ordneten sie ein, gaben ihnen bestimmte Formen, glichen die Widersprüche aus, kombinierten sie und gruppierten sie zu entsprechenden Einheiten. Solche Handlungen lassen sich sowohl mit Menschen wie mit Gegenständen vornehmen. Wenn man Menschen versammelt, ihre gegenseitigen Beziehungen ordnet, ihnen bestimmte Formen gibt, die Gegensätze beseitigt, und das Menschennebeneinander zusammenfügt zu einer Einheit, so nennt man diese Einheit »Organisation« und spricht von »organisierender« Arbeit. Es ist klar, daß die Wissenschaft nichts anderes ist als die organisierte Erfahrung der menschlichen Gesellschaft.

Weiter: Auf welche Weise entsteht die Erfahrung? Durch die Arbeit. Durch die Arbeit des mühevollen Kampfes ums Dasein war der Urmensch gezwungen, die Veränderungen der Himmelskörper und ihre Beziehungen zu den Vorgängen auf der Erde zu beachten; die Verteilung von Arbeit und Ruhe ist der ursprüngliche Sinn der Zeitberechnung nach den Himmelserscheinungen. Der Aufbau, die Aneignung und die Ausweitung der Wissenschaft waren natürlich eine intensivere, kompliziertere und schwierigere Arbeit als jede andere.

Die Entwicklung dieser Arbeit forderte die Anwendung von verschiedenen Geräten, die auch immer komplizierter wurden. Gegenwärtig vollzieht sich diese Arbeit in speziellen Werkstätten – Observatorien – mit riesigen und präzisen Maschinen bei strengster Arbeitsteilung unter den Mitwirkenden, Gelehrten und Nichtgelehrten. Und die wertvollen Ergebnisse dieser Arbeit summieren sich in einem gigantischen, genauen, wissenschaftlichen System.

Die Charakteristik wird noch vollständiger sein, wenn wir sagen: die Wissenschaft ist die organisierte Erfahrung der menschlichen Arbeitsgemeinschaft. Was bewog die Urmenschen, auf die Bewegung der so fernen Himmelskörper zu merken und sie zu behalten? Die bittere Notwendigkeit des Lebenskampfes. Der nomadisierende Jäger der Wälder und Steppen mußte zuverlässige Mittel haben, um die Richtung zu erkennen, um die Zeit zu bestimmen und nach der Zeit die Entfernung, um sich nicht in dem von Gefahren strotzenden Urzustand der Natur zu verlieren, um die Begegnung mit den Mitgliedern der Gemeinschaften und ihre Heimkehr berechnen und seine Arbeitsbedingungen ordnen zu können, kurz: um die Arbeit zu organisieren. Denn die Organisierung der Arbeit bedeutet in der Hauptsache die Verteilung von Raum und Zeit. Die Leuchtkörper des Himmels geben hierfür die genaue »Orientierung«; sie sind von riesenhaften Dimensionen, befinden sich in riesenhaften Entfernungen voneinander, deshalb ist ihr Verhältnis zueinander recht beständig und keinen zufälligen Einwirkungen unterworfen; ihre Bewegung ist streng regelmäßig. Sie sind es, die einen sicheren Verlauf aller Zeit- und Raumberechnungen für die Organisierung der Arbeit garantieren. So war es von Anbeginn an, und so blieb es. Nicht aus purer Neugierde studierten die chaldäischen Magier und ägyptischen Priester das geheimnisvolle Leben auf dem Himmelsfirmament, beobachteten, maßen und schrieben sie die Wege der Leuchtkörper nieder. In den Tälern der großen Flüsse hing die ganze Wirtschaft von den periodisch wiederkehrenden Überschwemmungen ab, die das Land befruchteten, die Menschen und ihre Habe aber mit Vernichtung bedrohten. In solchen Fällen bedeutete die wissenschaftliche Berechnung der Zeit für die Ackerbauarbeiten einerseits, und die wissenschaftliche Feststellung der Richtungen und Entfernungen für die Arbeiten der Ingenieure, die die Regulierung der Wasserläufe ausführten, andererseits eine ökonomische Frage, von der Leben und Tod ganzer Völker abhängig war. Die Astronomie und die damals von ihr noch untrennbare Geometrie waren in den Händen der Priester – der damaligen Intelligenz – das mächtigste Mittel zur Organisierung der Arbeit des ganzen Volkes. Vor vier bis fünf Jahrhunderten gaben die Erfordernisse der Ozeanschiffahrt, die neue Länder zu Arbeit und Ausbeutung und neue Wege für den Welthandel suchten, einen mächtigen Antrieb zur Umwälzung und zur Blüte der Astronomie. Für die Holzschalen, die auf der unendlichen Wasserfläche segelten, konnte nur eine feste und genaue Orientierungsmöglichkeit in Zeit, Raum und Richtung eine Stütze sein gegen die Launen der Natur. Eine solche Orientierung gab die neue Astronomie, die auf die Tabellen der kastilischen Astronomen, später auf Kopernikus und Galilei sich stützte; die Trabantenfinsternis des Jupiter, die Galilei entdeckte, ist ein unersetzliches Mittel, um die Chronometer auf hoher See zu prüfen.

Das grundlegende astronomische Instrument ist die Uhr, die die Bewegung der Sonne am Firmament mechanisch wiedergibt. Dieses Instrument reguliert buchstäblich die gesamte Organisation der zeitgenössischen Produktion. Die Uhr reguliert die Mitarbeit der Werktätigen, indem sie sie zur gleichen Zeit in der Fabrik versammelt, die Arbeitszeit und die Ruhepausen verteilt; sie bildet die Grundlage für den Arbeitslohn, bei Stundenarbeit direkt, bei Akkord indirekt. Auf der Uhr beruht auch die Berechnung der Maschinen, die Feststellung ihrer Kraft und Arbeitsfähigkeit. Die Uhr reguliert den Gang der Eisenbahnen und Dampfer, auf ihr beruht jede Versammlung, Vereinigung und menschliche Gemeinschaft. Die Astronomie leitet die menschliche Arbeit auch mittels des allgemeinen metrischen Maßsystems, das in der Erzeugung, im Transport und im Handel fast sämtlicher Kulturländer vorherrscht. Der Arbeiter, der einen Einschnitt von einem Millimeter macht, weiß noch nicht, daß die Astronomie die Bewegung seiner Hand leitet, aber es ist so, denn ein Millimeter ist der vierzigmilliardelste Teil des Meridians der Erdoberfläche, festgelegt auf Grund des Standes der Sonne und der Sterne.

Es muß uns nun ganz klar sein: die Wissenschaft ist das Organisationsmittel der gesellschaftlichen Arbeit. Darin besteht ihre wirkliche, »objektive« Bedeutung für das Leben, die beständig und unabänderlich ist. Die Wissenschaft kann noch eine andere Bedeutung gewinnen. Wenn die Gesellschaft aus verschiedenen Klassen besteht, wenn die Organisierung der Arbeit in ihr auf der Beherrschung der einen Klasse durch die andere beruht, so kann die Wissenschaft sich in ein Mittel der Beherrschung verwandeln. So war es mit der Astronomie – so ist es auch jetzt.

Im alten Ägypten und in Babylonien standen an der Spitze der Produktion die Priester, wie gesagt, die damalige Intelligenz. Mit Hilfe ihrer astronomischen und anderen wissenschaftlichen Kenntnisse leiteten sie den Ackerbau, die Meliorationsarbeiten, die Regulierung der Flüsse, die Bauarbeiten, den Wegebau und indirekt auch alle anderen Arbeiten. Die Masse des Volkes folgte ihren Anweisungen, denn sie besaß nicht die nötigen Kenntnisse. Die Priester behüteten sorgfältig die Geheimnisse ihrer Wissenschaft und achteten streng darauf, daß die heiligen Kenntnisse nicht in das niedrige Volk drangen. Damit war ihre Herrscherstellung gesichert.

Die jetzt herrschenden Klassen – die Bourgeoisie und der sich ihr anschließende Teil der Intelligenz – stellen der Verbreitung der Wissenschaften unter den Massen scheinbar keine Hindernisse in den Weg, zum Teil »popularisieren« sie sogar die Wissenschaft. Und doch bleibt die höhere, präzise Wissenschaft, die die Organisierung der Produktion leitet, das Privileg weniger Auserwählter, auch ihr »heiliges Geheimnis«. Nur wird das erreicht nicht durch Verbote und Strafen, sondern mit anderen Mitteln. Erstens: die Wissenschaften werden wie Ware verkauft. Da die höhere Wissenschaft auf den Universitäten und wissenschaftlichen Instituten teuer ist, so sind im allgemeinen nur die Kinder der Bourgeoisie in der Lage, sie zu bezahlen. Zweitens: die Art, wie die Wissenschaften gelehrt und wiedergegeben werden, sperren sie ebenfalls vor der Masse ab. Sie sind bis zum äußersten verklausuliert und der Zugang zu ihnen ist durch eine Reihe von Eigentümlichkeiten erschwert, die sie der überwiegenden Mehrheit des arbeitenden Volkes unerreichbar machen. Durch die abstrakte Form, die für den einfachen Menschen ungewöhnlich ist, durch die überflüssigen »Fachausdrücke und Bezeichnungen, durch die Menge der ausgeklügelten, im Kern überflüssigen Beweise, durch die riesige Anhäufung von Material wird die Erfassung der Kernideen und Systeme der Wissenschaft erschwert. Alles dies wird anerkannt von den demokratisch denkenden Gelehrten, die dagegen protestieren und daran arbeiten, die Form der Wissenschaft zu vereinfachen und sie den breiten Massen zugänglich zu machen. Um bei demselben Beispiel zu bleiben: die Astronomie, wie eine Reihe anderer Wissenschaften, ist aufgebaut auf der mathematischen Analyse. Diese Analyse wird jetzt viel einfacher gelehrt als vor etwa 30-40 Jahren, und doch hat der Professor John Peary überzeugend in seinen Vorlesungen über »Die praktische Mathematik« nachgewiesen, daß noch jetzt beim Studium der Mathematik der größte Teil an Zeit und Kräften vergeudet wird für gänzlich Überflüssige und nutzlose Dinge; ein und dasselbe wird unter verschiedenen Bezeichnungen mehrmals vorgebracht usw. Das alles geschieht nicht aus Böswilligkeit der Bourgeoisie, sondern aus der unzureichenden Organisierung ihres eigenen Denkens, das nach den anarchischen, sich widersprechenden Beziehungen des Kapitalismus erzogen ist. Das ändert jedoch das Wesen der Sache nicht; es steht nun einmal fest, daß man viel Zeit und Geld und eine auf Jahre hinaus gesicherte Existenz haben muß (d. h. Bedingungen, die den arbeitenden Massen unzugänglich sind,) um eine präzise Wissenschaft – nicht aber ihre armseligen, »popularisierten« Brocken – zu erfassen. Für sie bleibt Wissenschaft das »heilige Geheimnis«. Es kommt häufig vor, daß auch aus der Arbeiterklasse einzelne energische und befähigte Menschen sich zu diesem siebenfach versiegelten Geheimnis durchschlagen. Dann werden sie von den herrschenden Klassen als »Gebildete« gern aufgenommen und ihnen gute Stellungen angeboten. Die Mehrzahl dieser Emporkömmlinge widersteht den Verlockungen des Bourgeoisielebens nicht, weil sie der zur Erreichung ihres Zieles aufgewandte Kampf schon zermürbt hat und sie den besten Teil ihrer Kraft in diesem Kampfe aufgegeben haben. Sie vergessen ihr früheres mühevolles Leben, ihre Interessen und ihre dort unten gebliebenen Kameraden und gehen über auf die Seite ihrer neuen Freunde; wenn sie auch nicht ganz zu Renegaten werden, so versuchen sie doch ihre Vergangenheit mit der Gegenwart zu versöhnen und Brücken zu schlagen zwischen den Arbeiteridealen und den Wünschen der Bourgeoisie, kurz, sie werden zwiespältige Menschen und sogenannte Opportunisten.

Aber auch die Wissenschaft, die sie nun erobert haben, der sie dienen und in der sie leben, erzieht sie so, daß sie sich den Aufgaben und Bestrebungen der Arbeiterklasse entfremden und sich den Herren der Lage annähern. Wir haben gesehen, daß die Astronomie eine Wissenschaft von der Arbeit ist, von der Mitarbeit und Organisierung der menschlichen Kräfte im Kampfe mit der Natur. Ist dies aber der gegenwärtige offizielle Begriff der Astronomie? Nein! Sie wird betrieben und wird gelehrt von wissenschaftlichen Fachmännern, die durch ihre ganze Erziehung und ihre ganze Position der Arbeit der Volksmassen fern stehen; es sind Männer, die in ihren Arbeitszimmern und Observatorien sitzen wie die früheren Gelehrten in ihren Mönchszellen. Dort vergessen sie die lebendige Praxis der Menschheit und ihren ununterbrochenen Kampf mit der Natur. Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse erscheinen ihnen als etwas Höheres, als Wahrheiten über die Himmelskörper und deren Kräfte, die mit dem irdischen Daseinskampfe nichts gemein haben. Den Besitz dieser erhabenen, den in geistiger Finsternis gehaltenen Massen fremden und unerreichbaren Wissenschaft halten sie für ihre große Überlegenheit; sie kommen sich vor wie die Auserwählten, die der Stempel des geistigen Adels gekennzeichnet hat, die an dem eitlen Kampf ums Dasein uninteressiert sind. Dort unter ihnen wimmeln Wesen einer niedrigen Art, die an die grobe Arbeit gekettet sind, an die Sorge um ihre Existenz. Müssen denn diese Wesen nicht stolz darauf sein, daß hier Männer der reinen Idee arbeiten, der höheren Erkenntnis, müssen sie nicht von Dankbarkeit erfüllt sein dafür, daß auch ihnen Teilchen dieser erhabenen Arbeit von oben zufallen?

Diese Stimmung erzeugt die Kluft zwischen Wissenschaft und Arbeit, das Unverständnis für die Natur der Wissenschaft; es ist klar, daß die Astronomie wie jede andere Wissenschaft, mit ihrer bürgerlichen Untersuchungsweise unmerklich den Menschen die Überzeugung beibringt von der Gesetzlichkeit und der Notwendigkeit der Arbeit der Masse, um eine höhere Kultur zu erzeugen für die Klassen, die in dieser Kultur heimisch sind.

Man sieht also, daß die Idee von der »Bürgerlichkeit« der heutigen Astronomie, Mathematik usw. gar nicht so komisch ist, wie die alten Vertreter des Marxismus meinen.

In einer Klassengesellschaft verwandelt sich die Wissenschaft aus einem Mittel zur Organisierung der Arbeit in ein Mittel zur Klassenherrschaft. Sie kann aber in der Entwicklung der Gesellschaftskämpfe auch eine andere Rolle spielen.

Vom 14. bis 17. Jahrhundert gab die Entwicklung der Handelsschiffahrt, d.h. die Forderungen des Handelskapitalismus den Anstoß zur Entwicklung der neuen Astronomie, wie wir bereits ausgeführt haben. Der Handelskapitalismus jedoch war der Exponent der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, der aus der feudal-mittelalterlichen Organisation aufkeimte. Die Bourgeoisie begann den Kampf um die Herrschaft gegen den Landadel und den Klerus, die Lebensherrscher jener Zeit. Die Astronomie entsprach den Bedürfnissen des Handels, des Kapitals und der neu sich bildenden Klasse als der Vertreterin des Kapitals; sie entsprach aber nicht den Ansichten der alten Welt, der Lehre der Geistlichkeit. Damit untergrub sie deren Autorität und schwächte die Organisationskraft der herrschenden Klassen. Die sahen dies bald ein und begannen einen fanatischen Kampf gegen die revolutionäre Wissenschaft: einer ihrer ersten Verkünder, Giordano Bruno, wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Galiläi im Gefängnis zu Tode gemartert. Aber um so enger und fester verband sich die fortschrittliche Bourgeoisie zum Angriff auf die herrschenden Klassen. Dies wurde wenn nicht das einzige, so doch das wertvollste Kampfeszeichen der damaligen fortschrittlichen Klasse und trug viel zum Siege bei.

Wie ersichtlich, kann die Wissenschaft zu einem Mittel werden, die Kräfte für den Sieg im sozialen Kampfe zu organisieren.

Was wir in bezug auf die Astronomie untersucht haben, kann man ebenso leicht, wenn nicht noch leichter in bezug auf jede Wissenschaft feststellen: die sozialen Wissenschaften sind bereits früher in dieser Hinsicht untersucht worden.

Aber auch auf die Philosophie, die als umfassende und vollendete Wissenschaft gilt, ist diese Charakteristik anwendbar; sie ist bemüht, die ganze menschliche Erfahrung zu einem harmonischen Ganzen zu organisieren, und sucht das ganze menschliche Leben zu leiten, d. h. das allgemeine Mittel der Organisation zu sein; die Philosophie der herrschenden Klassen ist das Mittel ihrer Herrschaft, wie viele Marxisten nachgewiesen haben; und es ist klar, daß die proletarische Philosophie das Mittel abgeben muß, die Kräfte des Proletariats für seinen Kampf und Sieg zu organisieren.

II

Die Aufgaben des Proletariats in Bezug auf die Wissenschaft ergeben sich aus seinen gesamten Lebensaufgaben. Wenn es der Arbeiterklasse obliegt, die völlige Umwälzung des sozialen Lebens zu vollziehen und das Erbe der ganzen Klassengesellschaft zu übernehmen, so muß sie auch die Erbschaft der gesamten Wissenschaft übernehmen, d. h. die Arbeitserfahrung der Gesellschaft. Aber wann hat sie dieses Erbe anzutreten? Jetzt oder erst nach der Eroberung der materiellen Erbschaft der Produktionsmittel ?

Wenn die alte Wissenschaft für die oberen Klassen ein Mittel der Herrschaft ist, so muß das Proletariat ihnen seine Wissenschaft entgegenstellen, mächtig genug, die Mittel der revolutionären Kämpfe zu organisieren. Aber es geht nicht nur um den Sieg über die früheren Machthaber, sondern auch um die Schaffung einer neuen Ordnung, die sich von der alten, niederzureißenden, im wesentlichen unterscheidet. Die Wissenschaft ist das Mittel zur Organisierung der Produktion. Da es sich um eine planmäßige Organisierung handelt, die auf einer genauen und bewußten Berechnung beruht – und eine solche ist die sozialistische Organisation -, so muß die proletarische Wissenschaft noch viel präziser und vollkommener in ihren Methoden sein, als die der anarchischen Ordnung des Kapitalismus, die in ihrem großen Ganzen unorganisiert ist. Diese Wissenschaft muß die Arbeiterklasse schon besitzen, um zweckmäßig und zielbewußt und erfolgreich den Umbau vollziehen zu können.

Das Proletariat muß also in den Besitz der Wissenschaft gelangen, nicht nach der sozialen Revolution, sondern vor ihr und für sie. Wir wissen, daß die Arbeiterklasse sich schrittweise dem nähert, daß sie hungrig Kenntnisse sucht und trotz der grausamen Lebensbedingungen sie erobert. Aber diesen Bemühungen fehlt die klassenbewußte Planmäßigkeit; die Arbeiterklasse eignet sich oft nicht die Wissenschaft an, die sie braucht; in einer ganzen Reihe von Fällen wirkt sie verbürgerlichend. Und fast immer kostet sie dem Proletarier zu viel Mühe und Zeit, woran der dem Proletarier fremde Gedankengang in der Auslegung schuld ist, die durch Einzelheiten und Fachausdrücke den Sinn verdunkelt. Das Proletariat braucht eine proletarische Wissenschaft. Das heißt: eine Wissenschaft, die aufgenommen, verstanden und ausgelegt ist von seinem Klassenstandpunkte aus, die fähig ist, die Durchführung seiner Klassenaufgaben zu leiten; eine Wissenschaft, die seine Kräfte für den Kampf, für den Sieg und für die Verwirklichung des sozialen Ideals organisiert.

Was eine vom proletarischen Standpunkte verstandene Wissenschaft bedeutet, hat zuerst Marx gezeigt in bezug auf die politische Ökonomie, die Gesellschafts-Wissenschaften. Wie Marx die Veränderung des Standpunktes für diese Wissenschaften vollzogen hat, habe ich bereits durch einen Vergleich aus der Astronomie erklärt: Drei und ein halb Jahrhunderte vor Marx lebte ein bescheidener Astronom, Nicolaus Kopernikus. Der hat seine Wissenschaft ebenfalls umgewandelt…

Die alten Astronomen hatten gewissenhaft den Himmel beobachtet, die Bewegung der Leuchtkörper studiert; sie sahen, daß dieselben einer tiefen, planmäßigen, unwiderlegbaren Gesetzmäßigkeit unterworfen sind, und waren bemüht, diese zu finden und sie wiederzugeben. Aber es entstand eine seltsame Verwirrung. Die Planeten gehen zwischen den Sternen bald schneller, bald langsamer; bald bleiben sie gleichsam unbeweglich, kehren um und bewegen sich dann wieder in derselben Richtung; nach einer bestimmten Zahl von Monaten und Tagen sind sie wieder an dem alten Platz und wiederholen dann den gleichen Weg. Man mußte komplizierte Theorien aufstellen, für jeden Planeten einen eigenen Himmel usw. Die Unklarheiten blieben, die Berechnungen waren äußerst kompliziert.

Kopernikus faßte einen Gedanken: vieleicht ist das alles so kompliziert und verwirrt, weil wir es von der Erde aus betrachten? Wenn man nun aber den Gesichtskreis verändert und versucht – natürlich gedanklich -von der Sonne aus das Ganze zu betrachten? Und als er das tat, stellte sich heraus, daß alles klar und einfach wurde: die Planeten und die Erde unter ihnen bewegen sich im Kreise und die Sonne ist ihr Zentrum; früher begriff man das nicht, weil man die Erde für unbeweglich hielt, und ihre Bewegung verwechselte man mit der Bewegung der Planeten. So entstand die neue Astronomie, die den Menschen das Leben des Himmels erklärte. Vor Marx untersuchten bürgerliche Wissenschaftler das Gesellschaftsleben und betrachteten es natürlich vom Standpunkte ihrer eigenen Stellung in der Gesellschaft aus, vom Standpunkt der Klasse, die nicht erzeugt, sondern sich die Arbeit anderer dienstbar macht und sie ausnützt. Aber von diesem Platz aus läßt sich nicht alles übersehen, und manches zeigt sich in entstelltem Zustande; viele Erscheinungen verwirren sich so, daß sie nicht zu entwirren sind.

Was hat Marx getan? Er hat den Standpunkt verändert. Er beschaute sich die Gesellschaft vom Standpunkt derer, die erzeugen – der Arbeiterklasse, und alles erschien anders. Es stellte sich heraus, daß gerade dieser Standpunkt das Zentrum der Gesellschaft ist, die Sonne, von der der Weg und die Bewegung der Menschen, Gruppen und Klassen abhängig sind. Marx war kein Arbeiter, doch durch die Kraft des Gedankens vermochte er es vollständig, die Position des Arbeiters einzunehmen. Und er entdeckte, daß mit dieser Veränderung des Standpunktes alle Umrisse und Formen des Gesellschaftslebens verändert werden; es kommen die Kräfte der Dinge und die Ursachen der Erscheinungen zum Vorschein, die von der alten Position aus nicht wahrnehmbar sind: die Wirklichkeit, die Wahrheit, sogar das Selbstverständliche, Realste verändert sich, wird oft dem Alten antipod.

Ja, sogar das Selbstverständliche! Denn was kann für den Kapitalisten selbstverständlicher sein, als das, daß er den Arbeiter ernährt? Ist er es nicht, der dem Arbeiter Beschäftigung und Verdienst bietet? Aber für den Arbeiter ist es genau so selbstverständlich, daß er den Kapitalisten ernährt. Und Marx hat durch seine Lehre vom Mehrwert bewiesen, daß die erste Selbstverständlichkeit eine Täuschung ist, der Bewegung der Sonne um die Erde ähnlich, die zweite jedoch ist die Wahrheit. Marx fand, daß alle Gedanken und Gefühle der Menschen anders geartet sind, je nach dem welcher Klasse sie angehören, d. h. welche Stellung sie in der Produktion oder neben der Produktion einnehmen. Die Interessen, die Gewohnheiten, die Erfahrungen sind verschieden und verschieden sind auch die Folgerungen. Was für die eine Klasse vernünftig ist, ist ein Unsinn für die andere Klasse und umgekehrt; was für die eine Klasse gerecht, gesetzlich und normal ist, kann für die andere eine Ungerechtigkeit sein, eine Macht überschreitun g; was der einen Klasse als die Freiheit erscheint, ist die Sklaverei für die andere; das Ideal der einen Klasse erregt Schrecken und Entsetzen bei der anderen.

Marx zog das Resume’ und sagte: das gesellschaftliche Sein der Menschen bestimmt ihr Bewußtsein, oder mit anderen Worten: die ökonomische Lage bestimmt die Gedanken, Bestrebungen und Ideale. Das war die Idee, mit der er die gesamte soziale Wissenschaft umwandelte. … Auf ihr begründete er die große Lehre vom Klassenkampf, durch den die Entwicklung der Gesellschaft schreitet. Und er hat den Weg dieser Entwicklung untersucht und gezeigt, wohin er führt, welcher Klasse es bevorsteht, die neue Organisierung der Produktion zu schaffen, welcher Art diese Organisation sein wird und wie sie die Einteilung in Klassen und ihren Jahrhunderte langen Kampf beenden wird.

Marx war kein Arbeiter. Aber in der Arbeiterklasse fand der große Gelehrte den Stützpunkt für seine Gedanken, den Gesichtspunkt, der es ihm ermöglichte, in die Tiefen der Wirklichkeit zu schauen. Das Wesen dieser Idee ist das Selbstbewußtsein des Arbeiterproletariats…

Marx nannte die Aufgabe, zeigte den Weg, selbst jedoch konnte er nur teilweise die Umwandlung der Wissenschaften, in denen er arbeitete, vollbringen. Andere setzten und setzen diese Arbeit fort; die wissenschaftliche Schöpfung ist eine Kollektivarbeit; die Kraft der Persönlichkeit, die Lebensdauer, über die sie verfügt, ist beschränkt, so genial eine Persönlichkeit auch sein mag. Auch sammeln sich stets neue Erfahrungen an: so sind zurzeit neue Tatsachen bekannt geworden, von denen man zur Zeit Marx’ nichts geahnt hatte.

Bis jetzt geht die Umwandlung der Wissenschaft unorganisiert, planlos vor sich, sie wird ganz dem einzelnen und dem Zufall überlassen: Irgendein Theoretiker tritt mit einem Buch oder Artikel hervor, mit dem er eine neue Theorie oder eine neue Beleuchtung für eine Reihe von Tatsachen gibt. Die anderen Theoretiker verschweigen das oder geben ihre Meinung darüber pro oder contra kund. Alles geschieht in aller »Wissenschaftlichkeit«, wird in einer unverständlichen, gelehrten Sprache geschrieben und bleibt eine Buchangelegenheit, zu der die Arbeiter in keiner Beziehung stehen. Nur manchmal gelangt zu ihr mit großer Verspätung ein Widerhall der Polemik, wiederum durch Zufall und in der üblichen Entstellung durch den Parteikampf. Die bürgerliche Welt hat ihre wissenschaftlichen Institutionen – Universitäten, Akademien, gelehrte Körperschaften – die mit kollektiven Mitteln die bürgerliche Wissenschaft fördern. Das Proletariat besitzt noch keine solche Einrichtungen. Jeder gewissenschafte Beobachter muß zugeben, daß die Entwicklung der proletarischen Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten sich langsamer vollzog als die Wissenschaften, die von bürgerlichen Gelehrten betrieben werden. An sich, jedoch müssen die Methoden der proletarischen Wissenschaft vollkommener, tiefer und mächtiger sein als die Gedankengänge der bürgerlichen Gelehrten.

Ich führe ein Beispiel an: In der vergleichenden Philologie, d. h. der allgemeinen Wissenschaft von den Sprachen, vom menschlichen Reden, blieb lange die Frage nach dem Ursprung des Wortes ungelöst. Sie war auch vom bürgerlichen Standpunkte aus unlösbar, denn der Gedanke blieb fern, daß das Wort ein Mittel zur Organisierung der menschlichen Arbeit sei und daß hier der Ursprung des Wortes zu suchen ist. Der deutsche Gelehrte Noirez, der mit der Arbeiterklasse nichts gemein hatte, hatte sich durch die Macht seines Genies über die alte bürgerliche Wissenschaft erhoben und diese Frage gelöst. Er bewies, daß das Wort aus dem Arbeitsruf entstanden ist, d. h. durch die unwillkürlichen Laute bei verschiedenen Anstrengungen gemeinsam vollbrachter Arbeit, die diese Anstrengungen »bezeichnen«. Es ist klar, daß dieser »Arbeits«-Standpunkt, einmal angewandt, weiterführten und die ganze Wissenschaft vom Ursprung der Sprache umwandeln mußte. Aber die Arbeit Noirez’ hat die bürgerlichen Gelehrten in diesem Sinne nicht weiterzuführen vermocht, und die Marxisten haben etwa dreißig Jahre lang diese Theorie einfach unbeachtet gelassen. Soviel ich weiß, gibt es unter ihnen bis jetzt zwar Anhänger, aber keinen, der die Theorie weitergeführt hätte.

Die Philologie ist eine soziale Wissenschaft, aber wir haben die Astronomie untersucht, eine der ausgesprochensten naturwissenschaftlichen Lehren, und haben uns überzeugt, daß ihr Wesen rein arbeitsorganisierend ist, natürlich nur vom Standpunkte des Arbeitsproletariats aus, nicht vom bürgerlichen. Vom proletarischen Standpunkte betrachtet, verändert sich die gesamte Auslegung und Einordnung der Erfahrungen.

Die proletarischen Methoden werden wohl kaum durch ein wesentlich neues Material oder besondere Erfindungen die Astronomie bereichern, bis zu ihrem völligen Siege wird die Arbeiterklasse wohl kaum eigene Observatorien besitzen. Und doch wird die Wissenschaft in ihrer ganzen Art, in ihrer Lebensbedeutung, in ihrer Rolle im sozialen Kampfe wesentlich anders werden. Sie wird aufhören, das Mittel zu sein, das die herrschende über die arbeitende Klasse erhöhte und das die im Wissensdrang aus ihrer eigenen Klasse Hervortretenden unmerklich in das Lager der Bourgeoisie herüberzieht. Sie wird ein Teil des vertieften proletarischen Bewußtseins werden, ein Mittel zur Vereinigung und Organisierung der besten Kräfte der Arbeiterklasse, und sie wird die besseren wissenschaftlich denkenden Elemente der anderen Klasse zu sich ziehen, die die vom Leben isolierte »Wissenschaft für die Wissenschaft« nicht befriedigt. Dasselbe gilt von anderen Wissenschaften, deren die Arbeit organisierendes Wesen noch aufzuklären und zu erläutern ist.

Die geringste Umwandlung werden erfordern die angewandten Wissenschaften, wie Technologie, Agronomie und andere. Ihr arbeitsorganisierender Sinn ist ohne weiteres klar. Aber auch in diesen bis jetzt rein technischen Wissenschaften wird der proletarische Gedanke nicht unfruchtbar bleiben. Der gelehrte Techniker betrachtet die Arbeitskraft von außen, nicht von innen, in einer gewissen Entfernung von ihr, nicht aus einer Zugehörigkeit zu ihr. Deshalb können und müssen ihm sogar manche Beziehungen zwischen der Arbeitskraft und den Arbeitsmitteln, zwischen den lebendigen und toten Elementen der Erzeugung entgehen. So wird z. B. die in unserer Zeit sehr wichtige Frage der Umstellung ganzer Unternehmungen aus einem Produktionszweig in einen anderen oder der Übergang der Arbeiter von der einen Arbeit zu einer anderen von einem proletarischen Gelehrten ganz anders und auf einer viel breiteren technischen Basis betrachtet werden, als es jetzt ein Ingenieur vom Fache zu tun imstande ist. Außerdem muß die proletarische Bearbeitung und Fassung sehr vereinfacht und geklärt werden, was heute für einen fachmännisch ausgebildeten Intellektuellen nicht erforderlich ist.

Und so muß der proletarische Klassengedanke auf allen Gebieten der Wissenschaften eine umwandelnde Tätigkeit entwickeln.

III

Das ist jedoch nicht alles. Der Arbeiterklasse steht bevor, nicht nur das wissenschaftliche Erbe der bürgerlichen Welt zu übernehmen und umzuwandeln. Ihre historische Aufgabe, ihr soziales Ideal erfordert, daß sie im Reiche der Wissenschaft etwas ganz Neues schafft, was der bürgerlichen Welt nicht nur versagt blieb, sondern was sie unfähig war, auch nur zur Diskussion zu stellen.

Die Verwirklichung des Sozialismus bedeutet eine Organisationsarbeit von einer Weite und Tiefe, zu der noch keine Gesellschaftsklasse in der Geschichte der Menschheit berufen war.

Die Arbeit, die die Bourgeoisie mit ihrer Intelligenz geleistet hat, steht dazu in keinem Verhältnis. Die kapitalistische Welt ist nur in ihren kleinsten Teilen geordnet, im großen und ganzen aber völlig unorganisiert. Vereinzelt und von einander unabhängig werden einzelne Teile der Produktion und in ihnen einzelne Unternehmen begründet. Außerhalb der Grenzen der planmäßig organisierten Einzelunternehmen, in ihren gegenseitigen Beziehungen, ihrem Marktverhältnis, in der ganzen Weltwirtschaft herrscht Anarchie, Zufälligkeit, Kampf.

Auch die moderne Wissenschaft, die diesem Welthandel dient, ist zersplittert und in ihrem Ganzen unorganisiert. Alle ihre Zweige, »Fachwissenschaften«, tragen einen arbeitsorganisierenden Charakter, aber jede partiell, für irgend einen Teil der Produktion. Die technischen Wissenschaften sind ebenfalls in verschiedene Produktionszweige eingeteilt; die leitende Rolle der Mathematik bezieht sich auf die rechnerische oder quantitative Seite der Arbeitsprozesse, die Astronomie dient nur zur Orientierung in Zeit und Raum, die Mechanik und Physik zur Berechnung der materiellen Widerstände im Arbeitsprozeß usw. Ebenso beschränkt sind die Gebiete der sozialen Wissenschaften. Die politische Ökonomie gilt für eine die ganze Volkswirtschaft umfassende Wissenschaft. Das ist ganz falsch. Sie ist nur die Wissenschaft von den Beziehungen zwischen den Menschen und dem Eigentum; außerhalb dieser Wissenschaft bleibt die ganze Technik der Produktion und das ganze Gebiet der Ideologie, d. h. des sozialen Bewußtseins, welches Planmäßigkeit und Ordnung in das Wirtschaftsleben hineinträgt.

Alle Fachwissenschaften führen gegenwärtig ein selbständiges Leben, jede wird für sich selbst weiter entwik-kelt; darauf beruht die Zerrissenheit, die allgemeine Anarchie im Reiche der Wissenschaft. Wenn die Arbeiterklasse die Wissenschaft wirklich erobert und es ihr gelingt, sie in eine proletarische umzuwandeln, würde das genügen, um ihre Weltaufgabe – die Organisation der sozialistischen Gesellschaft – durchzuführen? Wir wissen es jetzt, und besonders deutlich zeigte es der Krieg, daß der Sozialismus nicht in irgendeinem einzelnen Lande verwirklicht werden kann; er muß alle Länder vereinen oder doch einen umfangreichen Verband von Ländern umfassen, der mit seiner ganzen Produktion selbständig existieren kann und nicht abhängig ist von der Einfuhr aus anderen Ländern, und den die militärische Macht der anderen Länder nicht bedroht. Das ist der gigantische Maßstab der planmäßigen Organisation, die der Arbeiterklasse zu schaffen bevorsteht. Es wird erforderlich sein, auf viele Millionen Quadratmeter, unter Hunderten von Millionen verschiedenster Arbeiter, zweckmäßig Milliarden verschiedener Arbeitsmittel, Milliarden Zentner von allerhand Materialien wie auch Lebensmittel zu verteilen, so daß die Bedürfnisse der Produktion und der Menschen voll gedeckt und Produkte jeder Art gleichzeitig überallhin geliefert werden, wo sie für die Ernährung oder die Produktion notwendig sind. Aber das ist noch nicht alles. Die neue Gesellschaft muß in kultureller Beziehung auf der Höhe ihrer beispiellosen Aufgabe stehen und einheitlich in der Ideologie sein. Wenn ihre einzelnen Teile in ihren Idealen und Wünschen so verschieden von einander sein werden, wie jetzt ein Arbeiter, ein Gebildeter und ein Bauer, so wird sie ihre gemeinsame Organisation ebensowenig planmäßig aufrichten können, wie etwa ein Bau von Arbeitern, die verschiedene Sprachen sprechen, planmäßig errichtet werden kann.

Die technische Seite der sozialen Wirtschaft kann man mit Genauigkeit als die Organisierung der Dinge bezeichnen, die ökonomische als die Organisierung der Menschen; die Ideologie einer Klasse oder der Gesellschaft ist die Organisierung der Ideen. Also die planmäßige Weiterorganisation der Dinge. Menschen und Ideen in einem gemeinsamen und harmonischen System ist die Aufgabe in ihrer ganzen Größe. Das alles zu verwirklichen ist nur auf dem Wege der Wissenschaft möglich. Genügt aber dafür die moderne, zersplitterte Wissenschaft, eine Wissenschaft, die in unzählige selbständig arbeitende Zweige geteilt ist? Wenn jedes Gebiet, jeder Produktionszweig für sich selbst organisiert wird, so kann daraus keine wissenschaftich exakte Organisation entstehen. Das ist geradeso, als wenn bei dem Bau eines Hauses die Tischler ihre Arbeit nach eigener Kalkulation, die Maurer, Dachdecker usw. alle nach eigener Kalkulation, ohne das Ganze zu berücksichtigen, ihre Arbeit leisten wollten. Diese einzelnen Arbeiten unterstehen aber in Wirklichkeit einer gemeinsamen Leitung. Nur unter der Bedingung einer gemeinsamen bauwissenschaftlichen Organisation ist die Zweckmäßigkeit des Hauses und die notwendige Verbindung seiner Teile zu erreichen.

Offensichtlich muß auch die Arbeit einzelner Zweige der weltwirtschaftlichen Wissenschaft einer sie umfassenden Wissenschaft unterstehen. Aber welcher?

Wenn es sich um die Organisation der Menschen, Dinge und Ideen handelt, so muß diese Wissenschaft die allgemeine Organisation sein. Das ist die Wissenschaft, die die ganze organisatorische Menschheitserfahrung umfaßt und festlegt. Sie muß daraus die notwendigen Gesetze gewinnen, die die Teile zu einem Ganzen gruppieren, die toten, lebendigen und idealen Bestandteile.

Die bürgerliche Welt ist nicht imstande, eine solche Wissenschaft zu schaffen. Sie ist ganz von Anarchie durchdrungen, voll von sie zerreißenden und zersplitternden Gesetzen. Ihre Kräfte bekämpfen sich gegenseitig und besitzen die Tendenz, einander zu desorganisieren. Es ist ihr nicht möglich, den desorganisatorischen Willen und Gedanken in ein Ganzes und Harmonisches zu vereinigen, ihr, der bürgerlichen Welt, deren Atmosphäre von Widersprüchen durchwachsen ist.

Das Proletariat organisiert die Dinge in seiner Arbeit, sich selbst in seinem Kampfe, seine Erfahrung in beiden. Es ist in seinem Wesen die Klasse der Organisation. Es ist berufen, alle trennenden Hindernisse der Menschheit zu beseitigen, jeder Anarchie ein Ende zu machen. Es ist der Erbe aller Klassen, die in der Geschichte auftraten, es ist die unmittelbare Quelle der zu organisierenden Arbeit, es ist der Erbe der angehäuften Erfahrung. Dieses Erbe zu ordnen in der Form einer allumfassenden Wissenschaft, dazu ist das Proletariat berufen. Diese Wissenschaft wird seine Basis sein, auf der es imstande sein wird, seine Ideale ins Leben zu rufen.

IV

Das Erbe der alten Welt umzuwandeln und zu vervollständigen, das bedeutet für die Arbeiterklasse bei weitem noch nicht die Erfüllung ihrer Aufgabe hinsichtlich der Wissenschaft; das heißt noch nicht: sie besitzen. In Wirklichkeit besitzt sie nur das, was ihre Massen aufgenommen haben, und was sich in ihnen fest eingewurzelt hat. Jetzt erst treten die Fragen der »Popularisation« der Wissenschaft und der Bildungsinstitutionen auf.

Das Wort »Popularisation« drückt nur jenen Typus der Verbreitung der Wissenschaften aus, den die Bourgeoisie ihren Interessen entsprechend ausgearbeitet hat. Bei den modernen Produktionsmitteln ist es für den Kapitalisten von Nutzen, daß die Arbeiter verständig und bis zu einem gewissen Grade intelligent sind, aber unvorteilhaft wäre es, wenn sie tiefe und ernste Kenntnisse besitzen würden – weil solche Kenntnisse eine Macht im Klassenkampfe darstellen. Die »populäre« Auslegung irgend einer Wissenschaft muß leicht faßlich sein, doch oberflächlich; sie gibt die Resultate wieder, läßt aber die Methoden der Untersuchung nicht erkennen, sie läßt keinen Stützpunkt zum weiteren Forschen zu und bietet auch keinen Anreiz dazu. Die Popularisation muß interessant sein; deshalb glänzt sie, wie etwa Brillanten in einem Schaufenster, durch erstaunliche Mitteilungen, wie z. B. von den gigantischen Entfernungen der Sterne, von den Ringen des Saturn, von den Kanälen des Mars usw., alles das wird als fertige Tatsache gegeben. Um so schwieriger ist dann der Übergang zum wirklichen Studium, Die »ernste Fassung« wird im Gegensatz zur Popularisation in übertrieben trockener und schwerer Form gegeben, in einer oft an Barbarei grenzenden Fachsprache geschrieben, die noch durch einen Ballast von scholastischen Beweisen und Gegenüberstellungen kompliziert wird. Sie sind in der Regel so ermüdend und langweilig, besitzen so wenig Reiz, daß selbst die Kinder der Bourgeoisie mit ihnen in den mittleren, höheren und Fachschulen nur fertig werden mit Hilfe der recht grausamen Disziplin, die da herrscht, und das Studium aufrichtig als eine Art Fegefeuer betrachten. Doch, sie werden damit fertig; während für die Massen die »Bildung« der unteren Schulen übrig bleibt und außerdem leichte und ungefährliche «Popularisation«, die öfter nichts weiter als eine banale, ungenaue und grobe »Vulgarisierung« ist.

In den letzten Jahrzehnten ist eine höhere Art der Verbreitung von Wissenschaften aufgekommen. Sie wurde ausgearbeitet von dem demokratischen Teil der Intelligenz, an deren Spitze die fortschrittlichen Wissenschaftler stehen. Sie sind bestrebt, wirkliches Wissen in die Volksmassen hineinzutragen, errichten Volksuniversitäten und veranstalten dem Niveau angepaßte praktische Kurse; ihrer Aufgabe entsprechend arbeiten sie auch die Mittel der wissenschaftlichen Fassung um. Es steht fest, daß es schon jetzt möglich ist, den Kursus einer jeden Wissenschaft abzukürzen und zu vereinfachen, ohne den geringsten Nachteil für die Tiefe und Genauigkeit einer Wissenschaft, gewöhnlich vielmehr zum Vorteil ihrer Klarheit. Wobei die Grundaufgabe ist: die Methoden der Wissenschaft und ihrer Anwendung so zu lehren, daß der Mensch noch selbst studieren und sein Studium praktisch verwerten kann. Das verstärkt und vertieft das Interesse am Wissen, es dringt in die Massen als wirkliches Wissen und nicht in der Form oberflächlicher »Mitteilung«. Das ist die Demokratisierung der Wissenschaft.

Ist es dies, was die Arbeiterklasse nötig hat? Ohne Zweifel – ja, aber das ist noch lange nicht ausreichend. Nehmen wir z. B. die »Praktische Mathematik für Handwerker« von John Peary. Sie ist in der Hauptsache für Arbeiter-Mechaniker gedacht und gibt in kurzer und einfacher Form Methoden für mathematische Berechnungen und Analysen und ihre praktische Anwendung. Aber diese Methoden werden als Arbeitsmittel für den Lernenden als einzelnen gegeben, als Mittel seiner persönlichen Arbeit, seines persönlichen Erfolges. Die gelehrten Demokraten verstehen die Sache selbst so und können andere nur in diesem Sinne lehren. Welches Bewußtsein wecken sie damit bei dem Arbeiter, das persönliche oder das soziale, das Klassenbewußtsein? Verstärken sie damit die Zugehörigkeit des Arbeiters zur Gesamtheit, zur werktätigen Masse, oder trennen die erworbenen Kenntnisse ihn umgekehrt von den anderen, indem sie ihn auf eine höhere Stufe heben? Offensichtlich ist in den meisten Fällen die Erwerbung der Kenntnisse ein Abtrünnigkeitsgrund. Wir haben gesehen, daß die moderne Wissenschaft die Fähigkeit besitzt, die energischen einzelnen, die sich bis zu den Höhen der Wissenschaft erheben, zu verbürgerlichen. Die Erwerbung der für den Arbeiter nötigen Fachkenntnisse hat zwar eine nach dieser Richtung hin schwächere Wirkung, aber die Wirkung bleibt doch; schwächer bleibt sie, weil die Demokratisierung der Wissenschaft immer größere Kreise erfaßt, die sie jedoch bis zu den Höhen der Wissenschaft nicht heranläßt.

Die Demokratisierung der Wissenschaft genügt der Arbeiterklasse nicht. Sie erhöht zwar die Kultur ihrer Einzelglieder, aber nicht der Masse, sie bietet die Wissenschaft als Kampfmittel einzelner, wenn auch vieler einzelner, aber nicht als das Kampfmittel der Klasse.

Was also ist notwendig? Betrachten wir einmal die Art und historische Theorie des Marxismus, d. h. der schon vom proletarischen Standpunkte umgewandelten Wissenschaft unter den Massen. Der Proletarier nimmt sie begeistert und tief auf; aber ist sie für ihn ein Mittel des persönlichen Erfolges? Sieht er in ihr ein Mittel, sich über die Arbeiterklasse zu erheben? Wenn das bei einzelnen Ehrgeizigen der Fall ist, so bleibt das eine Ausnahme, denn der Sinn der proletarischen Wissenschaft ist ein anderer.

Ihre Methode ist die Klassenmethode; sie besteht darin, die Menschheit von der Position des Proletariers aus zu betrachten, mit seinen Augen, d. h. gestützt auf die Erfahrungen seiner Kollektivarbeit. Ihre Anwendung ist ebenfalls eine Klassenanwendung; sie besteht im Zusammenschluß der Arbeiterklasse, in dem Aufbau seiner Organisation, in der Gesamtarbeit und im Kollektivkampfe für ihr Ideal. Eine solche Wissenschaft ist keine Macht der Person, sondern der Gesamtheit; sie zersprengt nicht das Proletariat, die Eingeweihten aus den Nichteingeweihten aussondernd, sondern sie verbündet die Massen.

Die Verbreitung der Wissenschaft unter den Massen bewirkt in diesem Falle nicht die Demokratisierung, sondern die Sozialisierung. Die Frage: Wie soll das Proletariat die Wissenschaft erobern? – hat uns zu der schon erörterten Aufgabe geführt und ist verbunden mit der Frage der Umstellung der Wissenschaft. Und nun wissen wir, daß nicht nur die Geschichte und die politische Ökonomie zu dieser Umwandlung fähig sind, sondern jede Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die vom Standpunkte der Arbeiterklasse betrieben wird, ist die gesammelte Arbeitserfahrung der Menschheit, ein Mittel der Organisierung der Arbeit, ein Mittel der Organisierung des sozialen Kampfes und Aufbaues – eine Macht nicht der Person, sondern der Gesamtheit.

Als Bedingung für die Verbreitung einer Wissenschaft erscheint keinesfalls nur die Einfachheit und Verständlichkeit ihrer Wiedergabe, sondern in erster Linie das Interesse dafür in den Massen. Solange die Astronomie oder die höhere Mathematik z. B. von ihnen für eine feine Unterhaltung müßiger Menschen gehalten wird, solange wird der Wunsch, sie zu studieren, für einen Massenmenschen ein seltener und ausnahmsweiser Zufall bleiben. Wenn man dazu kommt, zu erfahren, daß bei ernstem, mühevollem Studium diese Wissenschaften dem einzelnen Erfolg und Aussichten auf eine gute Karriere geben, so ziehen sie die Ehrgeizigen und Befähigteren an. Aber um wieviel lebhafter ist das Interesse, um wieviel näher und verwandter ist jedem Arbeiter, jedem Menschen aus der Masse eine Wissenschaft, von der er weiß und fühlt, daß sie seine Anteilnahme an der Gesamtarbeit leitet und reguliert!

Nur die Sozialisierung der Wissenschaft kann sie tief in der Arbeitermasse verwurzeln, nur sie wird dem Proletariat die Möglichkeit schaffen, die Wissenschaft zu erobern. Erobern muß es sie jedoch in vollem Umfange, in der ganzen Weite ihrer Verzweigungen. Denn alle Wissenschaften nehmen Anteil an der Organisierung der Weltproduktion, und der Arbeiterklasse steht bevor, die gesamte Weltproduktion wissenschaftlich zu organisieren.

V

Seine Aufgabe, die Wissenschaft zu erobern, d. h. sie für sich umzuwandeln und unter den Massen zu verbreiten, muß das Proletariat ausführen durch seine wissenschaftlich-propagandistische Klassenorganisation, die Arbeiter-Universität. Das Wort »Universität« bedeutete ursprünglich nicht das, was man jetzt mit diesem Worte zu bezeichnen pflegt, sondern die Gesamtheit, das System der miteinander verbundenen Lehranstalten und wissenschaftlichen Institutionen. In ähnlichem Sinne sprechen wir von der Arbeiter-Universität. Sie muß ein System bilden von aufklärenden Kulturinstitutionen, die nach einem Zentrum orientiert sind, welches die wissenschaftlichen Kräfte vereint und formiert, wie es die jetzigen Universitäten und Akademien tun. Als Vorstufen zu diesem Zentrum müssen allgemein wissenschaftliche Kurse dienen mit höheren und unteren Lehrplänen. Allgemein wissenschaftliche, nicht nach den jetzt üblichen Programmen der Staatsschulen, sondern nach Programmen, die so weitgehend und erschöpfend sind, wie es für die Ausarbeitung eines bewußten Arbeiter-Kollektivs nötig und möglich ist. Mit jeder Stufe der allgemein wissenschaftlichen Kurse müssen eine Reihe spezieller Kurse verbunden sein mit besonderen praktischen Zielen, wie z. B. Arbeiterbewegung, politische Agitation, verschiedene technische Fachkurse usw. Die Einheit der Programme in diesem System geben die zu lösenden Aufgaben, in Wirklichkeit wird die Einheit in der Arbeit und in der Entwicklung der Organisation geschaffen.

Die Einheit kann und darf ihren Teilen nicht von vornherein aufgezwungen werden, denn man muß suchen und untersuchen, um das Beste zu finden.

Die Arbeiter-Universität muß der allgemeinen Art und dem Geiste der proletarischen Organisation unbedingt entsprechen; das will sagen, sie muß gegründet sein auf die kameradschaftliche Mitarbeit der Lehrer und Lernenden. Dem entsprechen nicht die jetzt üblichen Beziehungen, denn jetzt ist der Lehrer oder der Professor eine unantastbare Autorität. Auch im Arbeitermilieu werden die kameradschaftlichen Beziehungen leicht entstellt, wenn eine größere Ungleichheit der Kenntnisse und Erfahrungen eintritt; es stellt sich dann leicht eine geistige Unterwürfigkeit ein, ein blinder Glaube, der der Kritik und der Schöpfung hinderlich ist. Die ganze aufklärende proletarische Organisation muß auch eine Schule der proletarischen Beziehungen sein, wo die notwendige Leitung der Erfahrenen die geistige Selbständigkeit der Lernenden nicht unterdrückt und weder zu einer offenbaren, noch zu einer verschleierten Unterjochung führt.

Unter diesen Bedingungen wird es sich von selbst ergeben, daß die gemeinsame Arbeit von dem kollektiven Arbeitsgeist durchdrungen sein wird, die den Standpunkt der Arbeiterklasse ausmacht; und die Umwandlung der Wissenschaft, ihrer Begriffe und Methoden wird sich vollziehen nicht nur durch die persönlichen Bemühungen ihrer fortschrittlichen Theoretiker, sondern in viel breiterem Maße durch die allgemeine, sich selbst organisierende Aktivität aller Teilnehmer, bei der man nicht unterscheiden kann, was dem einen und was dem anderen gehört. Und gerade deshalb, weil das Wesen der Umwandlung im Klassenstandpunkt liegt, in einer neuen Logik, die die alten Erfahrungen neu behandelt, ist es leicht möglich, daß der Lernende oft bei der allgemeinen Besprechung wissenschaftlicher Fragen, einer wissenschaftlichen Theorie einen richtigen und nützlichen Hinweis machen kann, der seinem Lehrer nur aus dem Grunde nicht kommen kann, weil der Lehrer intellektuelle Denkgewohnheiten besitzt. Bei meiner Tätigkeit als Propagandist habe ich das oft erfahren.

Aus dem Kollektivleben einer Arbeiter-Universität entsteht durch das Herausarbeiten der besten Lehrmethoden und der Verarbeitung dieser Methoden zu einem System die Arbeiter-Enzyklopädie. In der vollendetsten Form und der kürzesten Fassung wird sie die Grundsumme des für den Arbeiter notwendigen Wissens umfassen, mit dessen Hilfe er seine Rolle und seinen Platz in der Natur und in der Gesellschaft klar erkennt, um bewußt und unbeirrt seinen Klassenweg zu gehen. Die feudale Gesellschaft hat ihre auf die Religion gegründete Enzyklopädie geschaffen, das Bürgertum hatte vor der großen französischen Revolution eine weltliche Enzyklopädie begründet. Das Proletariat, die Klasse, der es bevorsteht, das Leben nach einem viel größeren Maßstab zu gestalten, kann ohne eine eigene Enzyklopädie nicht auskommen: Sie wird ihm als mächtiges Mittel der geistigen Selbstorganisation, als mächtige Waffe in seinem Kampfe dienen und ihm helfen, seine Weltaufgabe – die Verwirklichung des sozialistischen Ideals – zu erfüllen.

Une Réponse to “1920 Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse [Bogdanov]”

  1. Bogdanov, la technocratie et le socialisme « La Bataille socialiste Says:

    […] Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse (A. Bogdanov, 1920)  […]

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