1922-02 Quintessenz des Marxismus [Korsch ]

1. TEIL – DIE MARXSCHE GESELLSCHAFTSLEHRE

1. Was ist Kommunismus?

Der Kommunismus ist eine wissenschaftliche Lehre und eine auf diese wissenschaftliche Lehre gegründete gesellschaftliche und Politische Bewegung. Zusatz 1:Die von Karl Marx und Friedrich Engels begrundete wissenschaftliche Lehre des Sozialismus oder Kommunismus (Marxismus) umfaßt a) die Lehre von den Zielen des Kommunismus undvon den Mitteln zur Erreichung dieser Ziele, b) die wissenschaftliche Einsicht in die Notwendigkeit dieser Ziele und Mittel. Zusatz 2: Der Kommunismus ist aber nicht nur eine wissenschaftliche Lehre (Theorie), sondern auch ein Handeln nach dieser Lehre (Praxis). Die Kommunisten, die mit den anderen sozialistischen Parteien die wissenschaftliche Theorie des « Marxismus » gemeinsam haben, zeichnen sich vor diesen dadurch aus, daß sie praktisch am entschiedensten nach dieser Lehre handeln (vg. Komm. Man. S. 7).

2. Welches Ziel erstrebt der Kommunismus?

Die Befreiung des Proletariats durch die Umwandlung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung in « eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. » (vgl. Engels, Grundsätze, Frage 1, und Komm. Man. S. 29).

3. Von welcher « Unfreiheit » kann der Kommunismus das Proletariat in einer demokratischen Republik noch befreien?

Es gibt zwei Formen von Unfreiheit : die politsche Unfreiheit der Bürger im noch nicht demokratischen Staat, und die gesellschaftliche (soziale) Unfreiheit der Arbeiter in der noch nicht kommunistischen Gesellschaft. Der demokratisch-republikanische Staat gewährt seinen Bürgern nur die politische Freiheit, beseitigt aber noch nicht die gesellschaftliche Unfreiheit (Unterdrückung und Ausbeutung) der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft.

4. Worin besteht die gesellschaftliche Unfreiheit (Unterdrückung und Ausbeutung) der Arbeiter (Proletarier) in der kapitalistischen Gesellschaft?

Die bürgerlichen Freiheiten (z . B. Gewerbefreiheit, freier Zutritt zur Bildung, freies Wahlrecht) nützen dem Proletarier nichts, weil er in der kapitalistischen Gesellschaft durch seine Klassenlage an ihrem Gebrauch verhindert wird. Illustration

1. « Das Gesetz verbietet jedem mit gleicher Majestät, dem Reichen wie dem Armen, unter der Brücke zu schlafen! » (Anatole France)

2. Verfassung der R.S.F.S.R., 5. Kap., Nr. 13 – 17.

5. Worauf beruht der Klassencharakter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung?

Er hat seine Wurzeln in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ‚ die (nach der « materialistischen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung » von Karl Marx ) die Grundlage der gesamten Gesellschaftsordnung bildet.

6. Wie hängen nach der materialistischen Gesellschaftsauffassung die verschiedenen Bestandteile der menschlichen Gesellschaft miteinander zusammen?

Darstellung der menschlichen Gesellschaft

ÜBERBAU

– Ideen in den Köpfen der Menschen

– Recht, Sitte, Gewohnheit

– Kirche, Schule, freie Vereine

– Familie, Staat

UNTERBAU

– Wirtschaftsordnung (Ökonomie)

7. Worauf beruht der Klassencharakter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung?

Auf dem Gegensatz zwischen den K a p i t a l i st e n ‚ die die Produktionsmittel (« Grund und Boden, Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel » usw. ) besitzen, und den Proletariern, die vom Besitz der Produktionsmittel ausgeschlossen sind.

8. Wie kommt es, daß die Kapitalistenklasse die Proletarierklasse unterdrücken und ausbeuten kann?

Marx antwortet: « Aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein anderes Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der anderen Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben. » (Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei). Illustration: Vergleich des Arbeiters, der seine Arbeitskraft gegen Lohn verkauft, mit dem mittelalterlichen Bauern und Handwerker, der seine Arbeitskraft produktiv gebrauchte und seine Produkte verkaufte oder verbrauchte. Beide leben « von ihrer Arbeit. »

9. In welcher Form vollzieht sich die Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse?

Die Antwort ergibt sich aus der Marxschen Lehre vom Wert und Mehrwert.

2. TEIL – DIE MARXSCHE WERTLEHRE

10. Wodurch unterscheiden sich der Gebrauchswert und der Tauschwert eines Produkts?

Der Gebrauchswert (die Nützlichkeit) des Produkts besteht für den, der es für sich haben will (z. B. Rizinusölfabrikant). Die Gebrauchswerte der Produkte sind nicht genau meßbar, ihre Tauschwerte sind stets genau meßbar Wertmesser: das « Geld »). Jedes produzierte Gut muß, wenn es als Ware einen Tauschwert haben soll, irgend einen Gebrauchswert haben, es hängt aber dabei die Größe des Tauschwerts nicht von dem Grade der Nützlichkeit ab.

11. Auf welchen Wert kommt es in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung an?

Auf den « Tauschwert » (Verkaufswert). – Die Güter werden fast alle für den Tausch (Verkauf), also als « Waren » für den « Markt » (Handel) hergestellt: sie « zirkulieren » als « Waren », ehe sie als « Gebrauchsgüter  » gebraucht und verbraucht werden (Zirkulationsmittel: das « Geld »). — Auch die « Arbeitskraft » des Proletariers wird in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung von ihrem natürlichen Besitzer als « Ware » auf dem « Arbeitsmarkt » verkauft, ehe sie von ihrem Käufer, dem Kapitalisten, in seinem Betriebe gebraucht und verbraucht wird. (Alles dies ist anders in der kommunistischen planmäßigen Bedarfswirtschaft!)

12. Wie groß ist der « Wert » (Tauschwert) der Waren in der kapitalistischen Wirtschaft?

Nach der Wertlehre von Marx haben alle Waren im Verhältnis zueinander einen desto größeren « Wert », je mehr « gesellschaftlich notwendige Arbeit » bei ihrer Herstellung aufzuwenden ist. Zusatz: Die Gründe, warum die tatsächlich bezahlten P r e i s e diesem Wertverhältnis der Waren gewöhnlich nicht entsprechen, werden später erklärt werden.

13. Wie groß ist nach diesem Maßstab der « Wert » (Tauschwert), den die Ware « Arbeitskraft » für ihren Verkäufer und Käufer auf dem « Arbeitsmarkt » besitzt?

Die Arbeitskraft ist als Ware soviel « wert » ‚ als gesellschaftlich notwendige Arbeit aufzuwenden ist, um eine solche Arbeitskraft gebrauchsfertig herzustellen. Diese Arbeit wird geleistet in den Industrien, deren Produkte in den Konsum der Arbeiterklasse eingehen (z.B. Lebensmittelindustrien einschließlich Landwirtschaft, Bekleidungs- und Bauindustrie.) Sie wird bezahlt mit dem L o h n ‚ den der Verkäufer der Ware Arbeitskraft, der Arbeiter, von ihrem Käufer, dem Kapitalisten ausgezahlt bekommt und an die Verkäufer der von ihm und seiner Familie konsumierten Produkte weitergibt. Illustration: Man kann sich die Sache so vorstellen, als ob die menschliche Arbeitskraft wie eine Maschine in bestimmten Industrien (Lebensmittelindustrien usw. ) hergestellt würde. Der Unternehmer, der eine Arbeitskraft in seinem Betriebe gebrauchen will, kauft sie sich d i r e k t von dem freien Arbeiter selbst, i n d i r e k t aber von denjenigen Unternehmungen, in denen die Lebensmittel usw. für die Arbeiter und damit also auch die gebrauchsfertigen Arbeitskräfte selbst produziert werden.

3. TEIL – DIE ERZEUGUNG DES MEHRWERTS IM KAPITALISTISCHEN EINZELBETRIEB

Beispiel: Eine Flanellfabrik mit 5.500.000 Mk. Betriebskapital

14. Worin bestehen die « Auslagen » des « Unternehmers » bei der Eröffnung des Betriebes und im ersten Geschäftsjahr?

Er kauft:

ein Grundstück mit leerstehenden Fabrikgebäuden ————–2.000.000 Mk

Webstühle und sonstiges Inventar ——————————-500.000 Mk

Garn und sonstige Rohstoffe und Betriebsmittel —————–1 .000.000 Mk

Er zahlt in diesem Geschäftsjahre an Löhnen und Gehältern —– 2.000.000 MK

Damit hat er im Betrieb « angelegt » —————————– 5.500.000 Mk

15. Wie hoch sind die wirklichen « Selbstkosten » für ein Jahresprodukt?

Für Rohstoffe und Betriebsmittel ————————— 1.000.000 Mk

Für Löhne und Gehälter ———————————— 2.000.000 Mk

« Abschreibungen » für Gebäude- und Maschinenabnutzung — 200.000 Mk

Summa der wirklichen Selbstkosten ———————— 3.200.000 Mk

16. Was würde der Unternehmer sagen, wenn das verkaufte Produkt wirklich nur die Selbstkosten einbrächte?

Er würde sagen: « Ich habe nichts verdient ».

Z u s a t z: Er würde sogar sagen: « Ich habe zugesetzt », – und würde damit die « Zinsen » meinen, die er, wenn er das Geld geborgt hätte, an den Geldgeber (z.B. die Bank) zahlen müßte und die er nun auch sich selbst als sein eigener Bankier in Rechnung stellt. Die Gründe, warum der kapitalistische « Unternehmer » die Verzinsung seines im eigenen Betriebe angelegten Geldes mit zu den « kapitalistischen Produktionskosten » seines Jahresproduktes rechnen muß, werden später erklärt werden.

17. Würde der Unternehmer zufrieden sein, wenn das verkaufte Produkt außerdem noch seinen Arbeitslohn (d.h. die Vergütung für seine Tätigkeit als Betriebsleitung) einbrächte?

Die Antwort ergibt sich, wenn man sich die Unternehmung in eine AG mit einem Aktienkapital von 5.500.000 Mk. umgewandelt denkt. Dann steckt das Direktorengehalt mit im « Lohn- und Gehaltskonto » . Aber der kapitalistische Unternehmer, das sind hier d i e A k t i o n ä r e ‚ würde immer noch sagen: « Wo bleibt unsere Dividende? »

18. Was bringt das verkaufte Produkt normalerweise in Wirklichkeit ein?

Unter normalen Verhältnissen bringt in der kapitalistischen Wirtschaft das verkaufte Produkt mehr als die S e 1 b s t k o s t e n ein, z.B. statt 3.200.000 in Wirklichkeit 5.200.000 Mk., d.h. außer den « Selbstkosen » noch einen Überschuß von 2.000.000 Mk. Die gesamte Wertsumme, die der Kapitalist in dem Betriebe « angelegt » hat, hat sich also in einem Jahre von 5.500.000 Mk. auf 2.300.000 Mk. + 5.200.000 Mk. = 7.500.000 Mk. vermehrt: Das « Kapital » hat « Mehrwert » in Höhe von 2.000.000 Mk. angesetzt.

19. Woher stammt der dem Kapital zugewachsene « Mehrwert »?

Nicht aus vorteilhaftem Einkauf und Verkauf (Ausnutzung der « Konjunktur », Wucher und dergleichen mehr.) Alles dies erklärt nur zufällige Extraprofite einzelner Kapitalisten und solche Gewinne, die durch den Umsatz fertiger Produkte (Waren) gemacht werden (Handelsgewinne). Es erklärt aber nicht die Gewinne, die unter normalen Bedingungen durch die kapitalistische Herstellung der Produkte selbst gemacht werden. Diese normalen Gewinne, die der kapitalistische Unternehmer in der P r o d u k t i o n macht, beruhen vielmehr darauf, daß das fertige Produkt mehr wert ist, als die Summe aller vom Kapitalisten für die Produktion eingekauften Produktionselemente (Rohstoffe usw. + Arbeitslohn, – nach Marx: verbrauchtes totes und lebendiges Kapital c + v).

Illustration: Vergleich der Gewinne, die ein Betriebsbesitzer durch Weiterverkauf seiner Rohstoffe, Ausverkauf seiner Maschinen usw. machen kann, und der Gewinne, die er infolge produktiver Verarbeitung dieser Rohstoffe durch Maschinen und Arbeiter macht.

20. Wie entsteht in der Produktion der « Mehrwert » des Produkts?

Durch die p r o d u k t i v e Arbeit aller an der Produktion beteiligten Arbeiter.

Z u s a t z : Gesellschaftlich betrachtet, wird dieser Mehrwert weder durch den Kapitalisten, noch durch die Arbeiter seines Betriebes, noch durch beide zusammen allein geschaffen. Vielmehr wird durch die in diesem Betrieb geleistete Arbeit, unter den durch die gleichzeitige Tätigkeit, vieler anderer Betriebe geschaffenen gesellschaftlichen Bedingungen, außer dem Ersatz der produktiv v e r b r a u c h t e n Werte (Rohstoffe usw. + Arbeitskraft c+v) noch « freier » Mehrwert (m) geschaffen. Über dieses, der Gesellschaft umsonst zur Verfügung stehende Erzeugnis der Naturkraft « menschliche Arbeitskraft angewendet auf sachliche Produktionsmittel » würde in der k o m m u n i s t i s c h e n Gesellschaft die Gesamtheit direkt und durch ihre dazu bestellten Organe verfügen. In der k a p i t a 1 i s t i s c h e n Gesellschaft gehört das gesamte Produkt eines Betriebes und also auch der darin enthaltene « Mehrwert » dem kapitalistischen Unternehmer als sein privates Eigentum, über das er allein und nach seinem Belieben verfügen kann.

21. Durch welche Mittel erlangt also der Kapitalist den Mehrwert?

Nicht durch Z w a n g – wie der Staat durch die Besteuerung etwas erlangt (z.B. 10 %iger Lohn- und Gehaltsabzug). Auch nicht durch B e t r u g – z.B. Unterbezahlung der Rohstofflieferanten oder Unterbezahlung der Arbeiter. Vielmehr geht in der normalen kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft alles « frei » und « gerecht » zu. Der Kapitalist bezahlt durchschnittlich auch dem Arbeiter den vollen Wert der « Ware Arbeitskraft ». Nur ausnahmeweise wird in einzelnen Betrieben, Industriezweigen (z.B. Heimarbeit), Ländern (z.B. überseeische Kolonien ) die Arbeitskraft dauernd unter ihrem Wert gekauft. Durch diesen « Raubbau » an der menschlichen Arbeitskraft entstehen kapitalistische Extragewinne, Überprofite, aber nicht der normale kapitalistische « Mehrwert ». Diesen erlangt der Kapitalist durch den recht m ä ß i g e n G e b r a u c h der von ihm gekauften und bezahlten Arbeitskraft.

22. Wie ist der Widerspruch zu erklären, daß der Kapitalist alles, was er für die Produktion einkauft, zum vollen Wert bezahlt und aus der Produktion doch einen « Mehrwert » bezieht ?

Der « Wert », den die Ware Arbeitskraft für ihren Verkäufer, den Arbeiter, und für ihren Käufer, den Kapitalisten, auf dem Arbeitsmarkt hat, bestimmt sich allein durch das Quantum gesellschaftlicher Arbeit, welches notwendig ist, um eine solche Arbeitskraft gebrauchsfertig herzustellen (vgl. Frage 13).Der Gebrauchwert (die Nützlichkeit),den die wirklich angewendete Arbeitskraft für ihren Gebraucher, den Kapitalisten, in seinem Betriebe hat, ist aber etwas ganz anderes, als der Tauschwert (Verkaufswert), den sie als Ware auf dem Arbeitsmarkt hatte (vgl. Frage 10). Durch den G e b r a u c h der Arbeitskraft im Betriebe wird neuer Wert geschaffen ‚und zwar desto mehr, je mehr Produkte durch sie hergestellt werden, d.h. je länger und intensiver die Arbeitskraft produktiv gebraucht wird. Die Kapitalisten, die als Besitzer der Produktionsmittel (Betriebe )‚ die einzigen sind, die den « Gebrauchswert » der menschlichen Arbeitskraft zu ihrem Vorteil ausbeuten können benutzen diese ihre gesellschaftliche Vorzugsstellung um die durch die produktive Betätigung der Arbeitskraft hervorgebrachte D i f f e r e n z zwischen dem Warenwert der Rohstoffe, der Arbeitskraft usw. einerseits, und dem Warenwert der fertigen Produkte andererseits für sich zu « verdienen ». Auf diese Weise entsteht der Zuwachs des kapitalistischen Vermögens, der « Mehrwert ».

23. Worin besteht also die Unterdrückung und Ausbeutung der Lohnarbeiter im kapitalistischen Betrieb?

Die für jede Produktion (Erzeugung von Gebrauchsgütern) unentbehrliche  » menschliche Arbeitskraft » gehört während des A r b e i t s p r o z e s s e s nicht mehr ihren natürlichen Trägern, den Arbeitern, sondern dem kapitalistischen Unternehmer. Dieser kann sie länger und intensiver gebrauchen, als für die Wiedererzeugung der durch ihren Gebrauch produktiv v e r b r a u c h t e n Wert (Rohstoffe usw. + Arbeitskraft) notwendig wäre. Sie leisten infolgedessen z.B. bei achtstündiger Arbeitszeit vielleicht außer den 4 Stunden  » notwendiger Arbeit » noch 4 Stunden « Mehrarbeit ». Das durch diese « Mehrarbeit » erzeugte « Mehrprodukt » enthält den « Mehrwert ». Mehrwert und Mehrprodukt sind also desto größer, je mehr « Mehrarbeit » geleistet wird, d. h. je länger der Arbeitstag im ganzen dauert und le intensiver gearbeitet wird ( « absoluter Mehrwert » ); je kleiner der Bruchteil des Arbeitstages wird, der für den Ersatz der produktiv verbrauchten Werte (Rohstoffe usw. + Arbeitskraft ) notwendig ist « relativer Mehrwert » Diese « Mehrarbeit » müssen die Arbeiter für den Kapitalisten, der ihre Arbeitskraft in seinem Betriebe anwendet, auf Grund des abgeschlossenen « freien Arbeitsvertrages » umsonst leisten. Darin besteht ihre « Ausbeutung ». Um möglichst viel Mehrarbeit aus « seinen Arbeitern » herauszuholen, unterstellt der kapitalistische Arbeitgeber die von ihm in seinem Betriebe angestellten Arbeiter während der ganzen Arbeitszeit einer möglichst strengen kapitalistischen Arbeitsdisziplin. Da die Arbeiter, wenn sie arbeiten wollen, gezwungen sind, sich durch den « freien Arbeitsvertrag » zur Befolgung solcher von einem kapitalistischen Unternehmer in seinem privaten Interesse gegebener Weisungen zu verpflichten, verlieren sie insoweit für die Dauer der Arbeitszeit ihre persönliche Freiheit. Darin besteht ihre « Unterdrückung » (vgl. Frage 8)

4. TEIL – DIE VERTEILUNG DES MEHRWERTS IN DER KAPITALISTISCHEN GESELLSCHAFT

24. Warum bedarf die Frage nach der Verteilung des Mehrwerts einer besonderen Untersuchung ?

Die kapitalistische Wirtschaft ist zwar subjektiv für die einzelnen Kapitalisten nur Verwertung ihres Privatkapitals, objektiv gesellschaftlich betrachtet aber stellt sie zugleich eine arbeitsteilige Produktion von Gebrauchsgütern dar. Sämtliche Produkte werden in Betrieben hergestellt, die zwar juristisch einer mehr oder weniger großen Zahl von Privateigentümern (Einzelbesitzer, Kompagniegeschäfte, Aktiengesellschaften usw.) allein zu gehören scheinen, aber ökonomisch gesellschaftlich betrachtet voneinander durchaus abhängig sind: Um die Verwertung ihres Kapitals fortsetzen zu können, müssen die einzelnen kapitalistischen Produzenten fortwährend als Käufer und Verkäufer auf dem Markte auftreten (d.h. ihre Produkte gegeneinander austauschen). Sie beeinflussen sich außerdem wechselseitig, indem sie miteinander k o n k u r r i e r e n . Sie stehen also, auch wenn sie es nicht wissen und wollen, miteinander in bestimmten gesellschaftlichen Beziehungen, denen sich der Einzelne nicht entziehen kann. – Dieser g e s e l l s c h a f t l i c h e Charakter der kapitalistischen P r o d u k t i o n s w e i s e bedingt auch eine gesellschaftliche Form der Verteilung des Mehrwerts. Wenn wir also bisher (im III. Teil) der Einfachheit halber angenommen haben, die einzelnen Unternehmer könnten sich den in ihren Betrieben geschaffenen Mehrwert unmittelbar und ohne Abzug aneignen, so daß jeder Unternehmer gerade soviel Gewinn ( « Profit ») erzielt, als in seinem Betrieb « Mehrwert » geschaffen wird, so müssen wir jetzt feststellen, daß durch diese Annahme nur das Verhältnis zwischen der gesamten Kapitalistenklasse (dem « Gesamtkapitalisten ») und der gesamten Arbeiterklasse (dem « Gesamtarbeiter ») zutreffend charakterisiert wird. Dagegen regelt sich das Maß der Beteiligung jedes einzelnen Unternehmers am gesellschaftlichen Gesamtmehrwert in der kapitalistischen Gesellschaft unabhängig davon, wie viel Mehrwert gerade in seinem Betrieb erzeugt worden ist. Und es nehmen überdies an der Verteilung des Mehrwerts außer den eigentlichen kapitalistischen Unternehmern (Betriebsinhabern) auch noch alle anderen Angehörigen der kapitalistischen Klasse teil.

An die Stelle einer unmittelbaren Aneignung des durch die Mehrarbeit ihrer Arbeiter geschaffenen « Mehrwerts » durch einzelne kapitalistische Privateigentümer wirklicher Produktionsmittel (Betriebe), tritt also zunächst eine (unsichtbare) Aneignung des gesellschaftlichen Gesamtmehrwerts durch den gesellschaftlichen Gesamtkapitalisten (die kapitalistische Klasse als Besitzerin des gesellschaftlichen Gesamtkapitals). Die einzelnen Bruchteile des durch die gesellschaftliche Gesamtarbeit geschaffenen gesellschaftlichen Gesamtmehrwerts werden dann unter die verschiedenen Mitglieder in verschiedenen Formen aufgeteilt und treten infolgedessen als kapitalistischer « Profit » oder als sonstiges kapitalistisches « Einkommen » häufig an ganz anderen Stellen in die Erscheinung, als in der « Gewinn- und Verlustrechnung » des bestimmten Betriebes, in dem sie erzeugt wurden.

II 1 u s t r a t i o n : Es tritt z.B. der heute durch die Mehrarbeit der Eisenbahnarbeiter geschaffene Mehrwert in die Erscheinung als Profit der Kohle- und Eisenproduzenten. Marx sagt: « Die Kapitalisten (d.h. hier: die Angehörigen der kapitalistischen Klasse) teilen sich in den Mehrwert wie die Aktionäre einer Gesellschaft, je nach der Größe ihres Besitzanteils (am gesellschaftlichen Gesamtkapital) ».

25. In welchen Formen erlangen die einzelnen Mitglieder der kapitalistischen Klasse ihren Anteil am gesellschaftlichen Gesamtmehrwert?

In den verschiedenen Formen des « Kapitalprofits », und überdies in der Form eines scheinbaren Arbeitseinkommens (Vergütung « unproduktiver » Tätigkeiten und Dienstleistungen).

26. Welches sind die wichtigsten Erscheinungsformen des Kapitalprofits?

Die wichtigste ist der Unternehmergewinn‚ der den Besitzern der kapitalistischen Unternehmungen selbst zufällt. Daneben stehen als zweitwichtigste Formen der Z i n s und die G r u n d r e n t e . « Zinsen » beziehen die Besitzer von Geldkapital, die es ausleihen, « Grundrente » die Besitzer von Grund und Boden, die ihn vermieten oder verpachten. I l 1 u s t r a t i o n : In unserem Beispiel habe der Unternehmer von seinem Betriebskapital (5.500.000 Mk.) nur einen Teil ( 500.000 Mk.) selbst aufgebracht. 3.000.000 Mk. habe er geborgt, das Grundstück mit Gebäuden (Wert 2.000.000 Mk.) gepachtet. Sein Jahresprodukt (Wert 5.200.000 Mk.) habe er nicht direkt an letzte Käufer, sondern an einen Zwischenhändler verkauft, der ihm dafür 4.700.000 Mk. bezahlt hat. Dann spaltet sich (bei 10 % Zinsfuß) der durch den Verkauf des Jahresprodukts erzielte Überschuß über die wirklichen Selbstkosten (2.000.000 Mk.), in vier Teile: 300.000 Mk. gehen als « Zinsen » an den Geldleiher, 200.000 Mk. als Pachtzins (« Grundrente ») an den Grundstückseigentümer, 500.000 Mk. als (Brutto) – Gewinn an den Zwischenhändler, nur der Rest (1 .000.000 Mk.) bleibt dem Unternehmer als « Unternehmergewinn »; davon rechnet er sich noch 50.000 Mk. ab als « Verzinsung » des von ihm in einen Betrieb gesteckten « eigenen » Geldkapitals von 5000000 Mk, (vgl. hierzu Frage 16).

27. In welchen Formen erlangen diejenigen Angehörigen der kapitalistischen Klasse, die am « Kapitalprofit » in keiner Form beteiligt sind, ihren Anteil am gesellschaftlichen Gesamtmehrwert ?

Am Mehrwert beteiligt sich in der kapitalistischen Gesellschaft außer den Beziehern des Kapitalprofits (Frage 26) noch alle diejenigen Schichten, die keine « produktive » Arbeit leisten ( « König, Pfaff, Professor, Hure, Kriegsknecht » usw.). Diese Schichten verrichten eine Tätigkeit, die anstrengend und unter Umständen auch notwendig oder nützlich für die Erhaltung und Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft sein kann, aber keine produktive (d.h. wirtschaftliche Werte schaffende) Arbeit im ökonomischen Sinne des Wortes. Sie leben also mit von dem durch die Mehrarbeit der « produktiven » Arbeiter erzeugten « Mehrwert ».

Die Formen, in denen diese Schichten ihren Anteil am Mehrwert zugeführt bekommen, sind äußerst mannigfaltig. I l 1 u s t r a t i o n : Geldkapitalisten, Bodenbesitzer, Unternehmer zahlen aus ihrem Profit Steuern an den Staat; auch die Arbeiter zahlen aus ihrem Lohn direkte und indirekte Steuern. Der Staat bezahlt seine Beamten. Kapitalisten, Arbeiter, Beamte bezahlen aus ihrem Einkommen eine große Anzahl von unproduktiven Tätigkeiten und Dienstleistungen (Pfaff, Professor, usw.).

28. In welchem Verhältnis stehen innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft die einzelnen Unternehmer zueinander ?

In einem zwiespältigen Verhältnis. In der arbeitsteiligen kapitalistischen TAUSCHWIRTSCHAFT muß jeder einzelne Unternehmer zugleich direkt und indirekt als Käufer der Produkte einer unbegrenzten Anzahl anderer Unternehmungen und als Verkäufer seiner eigenen Produkte an eine unbegrenzte Anzahl anderer Unternehmungen auftreten. Keiner kann seinen Profit realisieren (d. h. zu Gelde machen), ohne seine Produkt als Ware zu verkaufen. Es treten sich also die im Tausch verkehrenden Unternehmer zwar einerseits mit gegensätzlichen Interessen entgegen, da jeder möglichst billig von den anderen kaufen, möglichst teuer an die anderen verkaufen will. Sie unterstützen sich aber andererseits auch wechselseitig: Keiner von ihnen kann seinen Profit realisieren, ohne zugleich direkt und indirekt die Profite aller anderen realisieren zu helfen, da in den kapitalistischen « Produktionskosten » jeder einzelnen Unternehmung stets schon die Profite zahlreicher anderer Unternehmungen teilweise mit enthalten sein müssen. Ebenso stehen inder kapitalistischen KONKURRENZWIRTSCHAFT die einzelnen Unternehmer zwar im Konkurrenzkampf gegeneinander, da jeder die von ihm produzierte Ware billiger als die anderen Produzenten derselben Ware zu verkaufen sucht. Sie fördern aber dadurch indirekt auch ihr gemeinsamens Interesse: Indem sie durch technische und organisatorische Verbesserungen die Produktivkraft der Arbeit entwickeln, vermindern sie den « Wert » aller Waren einschließlich der Ware « Arbeitskraft » und vergrößern dadurch den relativen Mehrwert (vgl. Frage 23).

29. In welchem Verhältnis stehen die kapitalistischen Unternehmer zu den übrigen Schichten der kapitalistischen Klasse?

Ebenfalls in einem zwiespältigen. Einerseits wird durch alle Beträge, die in Form von Zinsen, Grundrente, Bezahlung wirtschaftlich unproduktiver Tätigkeiten an die Angehörigen anderer kapitalistischer Schichten gelangen, der Anteil der Unternehmer am Gesamtmehrwert gekürzt. Hieraus ergeben sich unter Umständen gewisse Gegensätze zwischen den verschiedenen kapitalistischen Schichten (z.B. Finanzkapital und Industriekapital). Die in der Sphäre der Produktion tätigen Unternehmer erscheinen als diejenigen, die für andere die « Kastanien aus dem Feuer holen » müssen. Andererseits ist der « Erfolg » der besonderen Funktion, die die eigentlichen « Unternehmer » im Interesse der gesamten kapitalistischen Klasse verrichten (d.h. der Gebrauch der Arbeitskraft zur Erzeugung des Mehrwerts), offenbar von der gleichzeitigen Tätigkeit aller anderen Funktionäre der kapitalistischen Gesellschaft (Handelskapital, Finanzkapital, König, Pfaff, Professor usw.) durchaus abhängig.

Die richtige Anschauung des Gesamtverhältnisses der verschiedenen kapitalistischen Schichten zueinander ist also folgende: Die wirklichen Produktionsmittel, auf deren ausschließlichem Besitz die ganze Macht und alles Einkommen aller kapitalistischen Schichten letzten Endes beruht, sind in der kapitalistischen Gesellschaft unter die einzelnen « Kapitalisten » nicht in Na t u r – a u f g e t e i l t ‚ so daß jeder einzelne Kapitalist eine bestimmte Proportion wirklicher Produktionsmittel für sich allein besäße und nutze .Vielmehr sind die gesamten Produktionsmittel der g e m e i n s a m e Besitz aller Mitglieder der kapitalistischen Klasse, die in « arbeitsteiligem » Zusammenwirken für die Erhaltung und Weiterentwicklung der kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft sich in verschiedenen Formen betätigen (vgl. Korsch, Sozialisierung Nr. 5). Man kann also mit ebensoviel Recht, wie man sagen kann: « Die Kapitalisten besitzen die Produktionsmittel, sie sind daher in der Lage, sich den Mehrwert anzueignen », auch den umgekehrten Satz aufstellen: « Die Kapitalisten sind in der Lage, sich den Mehrwert anzueignen, sie besitzen also die Produktionsmittel ». Marx sagt: « Kapitalist sein, heißt nicht nur eine rein persönliche, sondern eine gesellschaftliche Stellung in der Produktion einnehmen » (Kommunistisches Manifest, S. 24).

I 1 1 u s t r a t i o n : Vergleich der kapitalistischen « Unternehmer » mit den militärischen Führern, der « vorderen Linie » ‚ in der unter « Einsatz von Kräften » « Gelände gewonnen » wird, oder mit Saugpumpen, die das von ihnen aus der Quelle gesogene Wasser nicht für sich behalten können, sondern an die dahinter liegenden kleineren und größeren Bassins weitergeben müssen.

3o. Welches Verhältnis besteht zwischen dem Privatinteresse jedes einzelnen Kapitalisten und dem gesellschaftlichen Gesamtinteresse?

Ebenfalls ein zwiespältiges. Indem jeder einzelne Kapitalist seinen Privatvorteil wahrnimmt, dienen alle zusammen innerhalb gewisser Grenzenzugleich dem gesellschaftlichen Gesamtinteresse: Durch Herstellung von Waren, nach denen Nachfrage besteht, erfüllen sie gesellschaftliche Bedürfnisse. Indem sie den größeren Teil des aus dem Verkauf ihrer Waren gelösten Geldes zum Ersatz des alten sowie zur Bildung von neuem Betriebskapital verwenden, bewirken sie, gesellschaftlich betrachtet, zugleich die « Reproduktion » und « Akkumulation » des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Indem sie durch Angebot billigerer und besserer Waren ihre Konkurrenz zu schlagen suchen, führen sie technische und organisatorische Fortschritte in die Produktion ein und tragen dadurch zur Weiterentwicklung der Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit bei (vgl. Frage 28).

Alle diese Übereinstimmungen zwischen dem Privatinteresse der einzelnen Kapitalisten und dem gesellschaftlichen Gesamtinteresse bestehen aber nur innerhalb gewisser Grenzen. Im Konkurrenzkampf der kapitalistischen Profitwirtschaft kann es dem einzelnen Kapitalisten nicht in erster Linie darauf ankommen, wie viel nützliche Produkte durch den Gebrauch der einzelnen Produktionsmittel und Arbeitskräfte insgesamt erzeugt werden, sondern vielmehr darauf, welche Summe Geldeswert ihm bei der Verteilung des gesellschaftlichen Gesamteinkommens als sein p r i v a t e r A n t e i 1 zufällt.

Wo das Interesse der einzelnen Kapitalisten an einer möglichst vorteilhaften (rentablen) Verwertung ihres privaten Kapitalbesitzes mit dem Interesse der Gesamtheit an einer möglichst nutzbringenden (produktiven) Verwendung aller vorhandenen Produktionsmittel und Arbeitskräfte nicht mehr übereinstimmt, wird die kapitalistische Produktionsweise und Gesellschaftsordnung aus einem Hebel des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts zu einer Schranke: Sie verhindert dann sowohl den möglichst produktiven Gebrauch der gegenwärtig vorhandenen Produktionsmittel und Arbeitskräfte, als auch die Weiterentwicklung der Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit. Dieser Gegensatz zwischen dem privaten Interesse an der R e n t a b i 1 i t ä t und dem gesellschaftlichen Interesse an der P r o d u k t i v i t ä t tritt besonders deutlich hervor in der Zwiespältigkeit der Begriffe  » K a p i t a 1″ und « Wert ». Vom Standpunkt der einzelnen Kapitalisten erscheinen als « Kapital » nicht nur wirkliche « Produktionsmittel », durch deren Benutzung wirkliche Gebrauchsgüter produziert werden können (vgl. Frage 7), sondern jeder Besitz, durch den er in die Lage versetzt wird, sich einen bestimmten Teil des gesellschaftlichen Gesamteinkommens anzueignen. Z.B. eine Geldsumme (in Papierscheinen), ein Stück Kriegsanleihe, ein Recht an der Ausbeutung irgend eines natürlichen oder künstlichen Monopols (Schlagbaumrecht, Brückenzoll, natürliche und künstliche Wasserstraßen, Eisenbahnbetrieb). Nach Marxistischer Auffassung sind dagegen alle diese Besitztümer nur « fiktives » (unwirkliches) Kapital, da als « wirkliches » Kapital vom Standpunkt der Gesellschaft aus nur die wirklichen « Produktionsmittel » angesehen werden können.

Aus denselben Gründen entstehen in der kapitalistischen Gesellschaft auch die bei Frage 12 erwähnten Abweichungen der Preise von den Werten. Im kapitalistischen « Preis » der Waren tritt nicht nur ihr « wirklicher » (die in ihnen verkörperte gesellschaftliche Arbeit) in Erscheinung, sondern auch ihr « fiktiver » Wert, den sie deshalb zu haben scheinen, weil ihr Besitz dem Besitzer bei der Verteilung des gesellschaftlichen Gesamteinkommens einen Vorteil bringt. z . B. haben unbearbeiteter Grund und Boden, sowie Anteilsrecht an irgend einem fiktiven Kapital vom Standpunkt der Gesellschaft aus keinen wirklichen « Wert » sind aber in der kapitalistischen Gesellschaft für ihren Besitzer ein vorteilhafter Besitz. ( Eine gute Darstellung der Zwiespältigkeit der kapitalistischen Wirtschaft gibt G. Charasoff: « Karl Marx über die menschliche und kapitalistische Wirtschaft », – Berlin 1909, Ladyschnikow-Verlag.)

5. TEIL – DIE VERWIRKLICHUNG DES KOMMUNISMUS

31. Worauf gründet sich die Überzeugung der Kommunisten von der Notwendigkeit des Unterganges der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung?

Auf geschichtlichen Tatsachen. Die geschichtliche Entwicklung, besonders der letzten 100 Jahre lehrt, daß

1. die schon (Frage 28 – 30) aufgezeigten inneren Widersprüche und Zwiespältigkeiten der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung sich im Laufe der Zeit nicht abgeschwächt, sondern verschärft haben, – und daß

2. auch der Gegensatz zwischen der ausbeutenden Kapitalistenklasse und der ausgebeuteten Lohnarbeiterklasse (Frage 2 – 8) immer stärker geworden ist.

Beweis:

– Die seit Beginn des kapitalistischen Zeitalters periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen.

– Das ungenügsame Streben aller kapitalistischen Nationen nach neuen Absatzgebieten auf dem Weltmarkt.

– Die hieraus entspringenden und nach vollständiger Aufteilung der Welt (um 1900) in verschärfter Form auftretenden Interessengegensätze der kapitalistischen Mächte und ihre Folgen: Militarismus, Imperialismus, nationale Kriege und Weltkrieg.

– Die fortschreitende nationale und internationale Organisation des Proletariats zur Klasse.

(Alles Nähere über diese Frage im Kommunistischen Manifest, bei Lenin und Rosa Luxemburg).

32. Gibt es rein ökonomische Ursachen, die den Untergang der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit objektiver Notwendigkeit herbeiführen müssen?

Würde sich die kapitalistische Produktionsweise über die ganze Weltwirtschaft ausbreiten, so das es schließlich in der ganzen Welt nur noch Kapitalisten und Lohnarbeiter gäbe, so müßte allerdings ein Moment kommen, wo diese Wirtschaft aus rein ökonomischen Ursachen nicht mehr funktionieren könnte. Schon bei der bloßen Annäherung an einen solchen Zustand würde der Zwiespalt zwischen den Privatinteressen der einzelnen Kapitalisten und dem gesellschaftlichen Gesamtinteressen (vgl. Frage 30) so groß werden, daß dadurch die kapitalistische Produktionsweise ihre gesellschaftlichen Funktionen nicht mehr erfüllen könnte. Da die Erzeugung von Mehrwert und immer mehr Mehrwert die innere Triebfeder der gesamten kapitalistischen Produktion, und die Erlangung eines möglicht großen Anteils an diesem Mehrwert in Form von Profit die Triebfeder aller einzelnen kapitalistischen Produzenten bildet, so wird die Produktion der für den Fortbestand und die Entwicklung der Gesellschaft notwendigen Gebrauchsgüter in der kapitalistischen Gesellschaft von den einzelnen Kapitalisten überhaupt nur als Kapitalverwertungsprozeß zum Zwecke der Kapitalvermehrung betrieben. Es ist daher für den Fortbestand der kapitalistischen Produktionsweise notwendig, daß ein gesellschaftlichen « Mehrprodukt » nicht nur erzeugt wird, sondern von den einzelnen Kapitalisten auch als Ware abgesetzt werden kann. Nur dann können die kapitalistischen Produzenten den im Mehrprodukt enthaltenen « Mehrwert » in Form von « Profiten » für sich realisieren (zu Geld machen). Nur dann können sie ihr Betriebskapital erneuern und vergrößern, also ihre Produktion in demselben und in größerem Maßstabe fortsetzen. Diese Realisierung des Profits durch den Absatz des Mehrprodukts als Ware auf dem kapitalistischen Warenmarkt wird aber immer schwieriger, je mehr die Kapitalisten darauf angewiesen sind, ihre Waren lediglich an einander und an ihre Lohnarbeiter zu verkaufen. Schon bei einer Annäherung an diesen Zustand würde aus Mangel an zahlungsfähigen Käufern für das « Mehrprodukt » eine chronische « Überproduktion » eintreten, die Reproduktion und die Akkumulation aller Einzelkapitale ins Stocken geraten und schließlich die Fortsetzung der Güterproduktion in der kapitalistischen Form gänzlich unmöglich werden.

I l l u s t r a t i o n: Bellamys « Parabel vom Wasserbecken » S.26

In Wirklichkeit ist aber die menschliche Gesellschaft von heute noch weit davon entfernt, nur aus Kapitalisten und Lohnarbeitern zu bestehen. Der Kapitalismus hat nur die T e n d e n z ‚ die ganze Welt « nach seinem Bilde » umzugestalten, diese Tendenz kann sich aber im Weltmaßstab erst nach längerer Zeit voll verwirklichen. (Alles Nähere Kommunistisches Manifest, Seite 17 – 18 ‚ 22 und Rosa Luxemburg.)

33. Welche anderen gesellschaftlichen Kräfte gibt es, die die Umwälzung der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung herbeiführen und den Kommunismus verwirklichen können?

Der Klassenkampf des Proletariats in allen seinen Formen, der gewaltsame Umsturz der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und die Diktatur des Proletariats können die Verwirklichung des Kommunismus b e g i n n e n, sobald die Entwicklung der Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit soweit fortgeschritten ist, daß eine kommunistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ökonomisch möglich wird. Dieser Zustand tritt nicht erst dann ein, wenn der Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aus rein ökonomischen Gründen gänzlich u n m ö g 1 i c h geworden ist (Frage 32), sondern schon dann, wenn die kapitalistische Gesellschaftsordnung, insbesondere das kapitalistische Privateigentum, zu einem wirklichen H e m m n i s für die Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft zu werden anfängt. Dieser Zustand (die « ökonomische Reife » der Gesellschaft für den Übergang zur kommunistischen Produktionsweise) ist bei uns seit langem erreicht. Es fehlt zur Verwirklichung des Kommunismus also nur noch die volle Durchführung der Organisation des Proletariats zur sozial und politisch aktionsfähigen Klasse; den endgültigen Beweis davon, daß es die hierfür erforderliche « organisatorische und ideologische Reife » wirklich besitzt, kann das Proletariat erst durch die revolutionäre Tat selbst erbringen (vgl. Kommunistisches Manifest, Seite 18 – 22 ).

34. Können die Mängel und Widersprüche des kapitalistischen Systems durch eine bessere Organisation der kapitalistischen Wirtschaft und durch sozialpolitische Reformen beseitigt und beseitigt werden?

Alle Versuche zu einer besseren 0 r g a n i s a t i o n der kapitalistischen Produktions- und Verteilungsweise (Kartelle, Syndikate, Trusts, Staatskapitalismus, Genossenschaften usw.) und zu sozialpolitischen R e f o r m e n finden innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ihre unüberwindliche Schranke in dem kapitalistischen Profitinteresse. Sie sind in ihr nur soweit durchführbar, als sie dieses Profitinteresse, auf welchem die Tätigkeit der gesamten kapitalistischen Wirtschaft letzten Endes beruht, nicht ernstlich gefährden. Sie können also nur die F o r m e n ändern, in denen die kapitalistischen Privateigentümer ihren Konkurrenzkampf um möglichst große Privatanteile an dem Ergebnis der gemeinsamen Ausbeutung der Arbeiterklasse führen; sie können aber diesen Konkurrenzkampf selbst und den Gegensatz zwischen Kapitalisten und Proletariern niemals aufheben. (Die beste Darstellung dieser Verhältnisse gibt Rosa Luxemburg : « Sozialreform oder Revolution? » 1898 – 1900)

35. Kann der Übergang von der kapitalistischen zur kommunistischen Gesellschaftsordnung allmählich, ohne Klassenkampf, Revolution und Diktatur vollzogen werden?

Die Geschichte lehrt, daß eine herrschende und privilegierte Klasse ihre Vormachtstellung bisher niemals freiwillig aufgegeben hat. Daß dies nicht geschehn kann, folgt auch auch der materialistischen Gesellschaftsauffassung, nach welcher nicht das Bewußtsein (Ideen, guter Wille, Einsichten) der Menschen ihr gesellschaftliches Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein ihr Bewußtsein bestimmt (vgl. Frage 6),

Übrigens stehen die M i t t e 1 ‚ mit denen der Klassenkampf um die Verwirklichung des Kommunismus zu führen ist, nicht schematisch ein für allemal fest, sondern müssen den jeweils bestehenden, in den verschiedenen Ländern und zu den verschiedenen Zeiten verschiedenen Verhältnissen auf das Genaueste angepaßt werden. (Näheres hierüber in allen Schriften und Reden von Lenin).

36. Gibt es eine Gewißheit dafür, daß der gegenwärtige Kampf der Klassen mit dem Siege der proletarischen Klassen enden muß?

Nach der Lehre von Marx hat in der bisherigen Geschichte der Klassenkampf jedes Mal « mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft o d e r mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen » geendet. (vgl. Kommunistisches Manifest, Seite 2)

37. Was muß also jeder einzelne Proletarier und Kommunist, der sich « zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung hinaufgearbeitet hat », für die Verwirklichung des Kommunismus tun?

Er muß sich am K 1 a s s e n k a m p f in allen seinen Formen aktiv beteiligen.

6. PARABEL VOM WASSERBECKEN

Von Eduard Bellamy

Es gab einmal ein Land, in dem alle Mittel des Lebensunterhaltes und der Lebensannehmlichkeiten an Form des Wassers gewonnen wurden. Eine Minorität von Leuten – durch Kraft, Klugheit und Glück begünstigt – bemächtigte sich nun des Bodens und damit auch aller Wasserquellen; das Volk mußte jetzt für diese Besitzer, Kapitalisten genannt, arbeiten, um Wasser zum Leben zu erwerben. Die Kapitalisten befahlen, ein großes Sammelbecken herzustellen zur Aufnahme allen Wassers, das den schon erschlossenen wie noch zu erschließenden Quellen entnommen werden sollte, und aus diesem Becken erst wurde Wasser für den Gebrauch abgegeben. Die Kapitalisten schlugen ferner folgende Ordnung für den Verkehr vor: für je einen Eimer Wasser, den das Volk in jenes Becken – der Markt geheissen – hinschaffe, solle ihm ein Pfennig ausgezahlt oder gutgeschrieben werden; für je einen Eimer, den es aus dem Becken empfinge, sollte es zwei Pfennige zahlen oder zwei Pfennige von seinem Guthaben ablassen; der eine Pfennig, der bei dem Verkaufe je eines Eimers Wasser übrig bliebe, habe den Gewinn der Kapitalisten zu bilden. Das Volk stimmte diesem Vertrage zu und ging an die Arbeit.

Doch gar bald stand man vor einer ebenso erstaunlichen als traurigen Erscheinung. Das Wasser stieg immer höher und floß endlich über den Rand des Beckens. Allein aus den Büchern der Kapitalisten erwies sich, daß sich von einem gewissen Punkte an das Wasser im Becken vermehrte, ohne daß sich für die Kapitalisten Gewinne ergaben oder die Pfennige vermehrt hätten. Jene geboten nun dem Volke, die Arbeit einzustellen, und ermunterten es gleichzeitig, fleißig Wasser zu kaufen, damit sich das Becken rascher leere, die Gewinne wiederkehrten, und die Arbeit, das Herbeischaffen von Wasser, von neuem aufgenommen werden möchte. Doch das Volk konnte, da es keine Arbeit und keine Pfennige erhielt, nur wenig oder gar kein Wasser kaufen. Die Kapitalisten aber sagten zu dem jammernden Volke: wir werden euch doch nicht Arbeit und Pfennige geben, wenn der Absatz fehlt und eure Arbeit uns keinen Gewinn bringt! Wegen der großen Fülle an Wasser – wegen der Überproduktion, wie es hieß – mußte das Volk dürsten und zum Teil langsam verschmachten, und man jammerte im ganzen Lande, eine Krisis sei ausgebrochen.

– Als das Elend und die Klage des Volkes zunahm, tauchten die Kapitalisten ihre Finger in das Becken und spritzten Tropfen auf das Volk. Diese Tropfen, die Almosen hießen, schmeckten aber sehr bitter. Dann errichteten sie große Bäder und Springbrunnen und trafen auch andere, für sie belustigende Veranstaltungen, um den Überfluß an Wasser zu verschwenden. Darauf endete die Krisis; und die Arbeit konnte wieder aufgenommen werden; als aber das Volk sich stark vermehrte, brach wieder eine Krisis herein. Das wiederholte sich immer von neuem. Alle Entdeckungen und Erfindungen, alle Fortschritte des Verkehrs und der Geschicklichkeit mochten den Luxus der Reichen noch so sehr vermehren und vermannigfaltigen, das Volk mußte dennoch größtenteils in Durstigkeit bleiben und versank immer wieder « wegen der großen Güterfülle » (wie man sagte) in Arbeitslosigkeit und Elend. Schließlich habe es sich endlich erhoben, den Privatbesitz an dem Boden und den Wasserquellen abgeschafft und diesen Besitz in die Hände der Gesamtheit oder des Staates gelegt; dadurch sei dann das widersinnige und verderbliche Gewinnprinzip und damit auch die gewaltsame Beschränkung der Produktion und alles Elend beseitigt und allgemeine Wohlfahrt begründet worden.

geschrieben 1898

– VORWORT-

Der nächste Zweck dieser Schrift besteht darin, als Grundlage für Kurse über die wichtigsten Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus und Kommunismus zu dienen. Trotz ihrer Kürze bietet sie dem erfahrenen Kurslehrer Gelegenheit, neben dem Abc auch die schwierigeren Fragen der Marxistischen Ökonomie und Gesellschaftslehre in einem geschlossenen Zusammenhang zu behandeln. Nach meinen praktischen Erfahrungen würde ich raten, den Stoff auf mindestens sechs Sitzungen von je 2 Stunden in der Weise zu verteilen, daß die ersten drei Sitzungen erledigt werden, so daß für die schwierigeren Untersuchungen des Restes (Frage 24 – 37) noch drei Sitzungen übrig bleiben. Ein weiterer Zweck der Schrift besteht darin, dem Anfänger ein selbständiges Eindringen in das Marxistische System zu ermöglichen. Wer sich den Inhalt dieser Schrift eingeprägt hat und das so gewonnene Wissen durch mehrfaches Lesender in Nr. 1-6 des Literaturverzeichnisses genannten kleineren Schriften von Marx und Engels ergänzt hat, ist genugend vorbereitet, um mit dem selbständigen Durcharbeiten des Marxschen Hauptwerkes  » Das Kapital  » zu beginnen. FurFortgeschrittene bemerke ich, daß durch den Übergang vom dritten zum vierten Teil dieser Schrift (Frage 24) zugleich das Verhältnis des zweiten und dritten zum ersten Bande des  » Kapital  » verständlich gemacht werden soll. Eine  » Quintessenz  » des Marxismus muß, in der größten Verdichtung, doch allen wesentlichen Gehalt seiner Lehre in sich haben. Mit Bezug auf die ökonomischen Lehren glaube ich dies in der vorliegenden Schrift voll erreicht zu haben. Dagegen habe ich die allgemeine Gesellschaftslehre des Marxismus hier nur im a1lerknappsten Umriß dargestellt. Ihre ausführlichere quellenmäßige Darstellung findet man in meiner, im gleichen Verlage demnächst erscheinenden Schrift:  » Kernpunkte der materialistischen Geschichtsauffassung.  » Mit Schäffles seiner Zeit verdienstlicher Schrift hat die hier vorgelegte nur ein Fremdwort gemeinsam.

Jena, Mitte Februar 1922. Karl Korsch

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