1929-02 Die Industrial Workers of the World und die Allgemeine Arbeiter-Union [Mattick]

I.

Der Kampfruf, das Organ der A.A.U. Deutschlands, brachte Ende 1928 die Uebersetzung der besten I.W.W.-Propagandabroschüre: Was ist die I.W.W.? Sie enthielt in knappesten Sätzen die Prinzipienerklärung, die wie ein Berg oder auch wie ein Juwel aus der breiten programmatischen Umschreibung aufragt und glänzt. Die Klarheit der Prinzipienerklärung ist fast ein Widerspruch zu dem umständlichen Programmbau, bei dem am Dach, Fundament und Konstruktion gleichzeitig und planlos gearbeitet wird. Ist das Programm oder die Prinzipienerklärung, die vorsichtige Stellungnahme zu dem Problem des Klassenkampfes, die niemandem weh tun, und auch von niemandem belästigt werden will? Die Praxis der I.W.W. beweist, und nicht nur die Praxis, auch die Genossen der I.W.W. beweisen, daß die Prinzipienerklärung ihr Herzschlag ist, und alles andere eine Auseinandersetzung mit Dingen ist, die sie auch unterlassen oder eines Tages zur Hölle jagen können. Das gibt es nur einmal in der Arbeiterbewegung: daß die Praxis einer Organisation besser ist, als ihre Theorie.

Programm und Theorien — — Schall und Rauch! Der Zusammenbruch der 2. und 3. Internationale (als Klassenkampf-Organisation), ihre schmutzige Praxis, treibt jedem den Ekel in die Augen, der sich ihre theoretischen Formulierungen von einst zu eigen gemacht hat; und wenn diese Vertreter von Revision zu Revision schreiten, um sich theoretisch dem Schmutz ihres Lebens anzupassen, so eilt das, was sie Praxis nennen, neuen Gemeinheiten immer um zehn Schritt schneller entgegen.

Das Programm der I.W.W. ist zwanzig Jahre alt, und wenn revisionistische Strömungen es verbiegen sollten, so nur nach links. Das Arbeiterelement, aus dem sich die I.W.W. zusammensetzt, und auch ihr organisatorischer Aufbau sorgen dafür, daß selbst mit dem Katechismus zum Programm, die I.W.W. die einzige revolutionäre Arbeiterbewegung Amerikas ist und bleibt. Niemand kann der I.W.W. angehören, der nicht ein Ausgebeuteter ist, der nicht zur Klasse des Proletariats gehört. Das zersetzende, kleinbürgerliche Element all der anderen Arbeiter-Organisationen fehlt der I.W.W. vollständig, sie ist in organisatorischer Hinsicht eine „Arbeiter“-Organisation in letzter Konsequenz. Die I.W.W. wird sich irren können, ihr Charakter ist nicht zu ändern, oder die Lehre vom Klassenkampf wäre falsch. Es ist nicht die Zauberformel der „One big Union“ (das ist kein erreichbares Ziel), die Organisation an sich bestimmt noch nichts, aber hier bestimmen ihre Elemente den Inhalt, und hier stehen sie im Klassenkampf, dem sie nie ausweichen können, und haben ihre eigene Waffe, die ihnen kein Verräter in die Hand gedrückt hat. Ist ihre Waffe heute noch stumpf, so werden sie sie morgen schärfen. Wenn sie irgendetwas erfaßt haben, so ist es die Erkenntnis, daß ihre Befreiung nur ihr eigenes Werk sein kann, und damit treten sie in den Streik, um zu verlieren oder zu gewinnen: nur eins können sie nicht verraten werden. So werden sie morgen die Erde gewinnen, vielleicht nicht mittels der I.W.W., jedoch nur vermittels der Klassen-Organisation, dem Ideal der heutigen I.W.W.-Genossen. An die I.W.W. muß man bejahend herantreten, nicht kritiklos, aber mit dem Bewußtsein, die einzige revolutionäre, amerikanische Klassenkampf-Organisation vor sich zu sehen.

II.

Der erste aller Differenzpunkte, die zwischen der A.A.U. und der I.W.W. bestehen, ist der der politischen Aktion. Der Satz: „Die I.W.W. hat absolut nichts zu tun mit politischen Revolutionen, noch mit politischen Aktionen irgend welcher Art“, wird durch die Praxis und die Stellung der I.W.W. in U.S.A. direkt, entgegen aller Ableugnungsversuche, aufgehoben. Die Debatten über diesen Punkt müssen sich in leerem Geschwätz erschöpfen, solange die I.W.W. (wie führende Genossen sich äußerten) ihren eigenen Diktionär hat (d. h. Wörterbuch). Für sie ist „Wallstreet“ die ökonomische Macht und für sie ist die Beseitigung Wallstreets, der Kampf um die kommunistische Bedarfswirtschaft, ein ökonomisches Problem. Auch für die A.A.U.! Für wen ist dies kein ökonomisches Problem? Und Polizei, Militär, Schule, Zuchthaus, — — alle staatlichen Zwangsmittel, alle politischen Mittel, sie sind letzten Ende alle ein Teil des Oekonomischen, also bis zu einem gewissen Grade auch ein ökonomisches Problem. Die verräterischen Arbeiter-Organisationen, die einen gegebenen ökonomischen Zustand stützen, sind absolut ein ökonomisches Problem, und deshalb gibt es kein rein politisches, in letzter Konsequenz überhaupt kein politisches Problem. Das stimmt so genau, daß es schon gar nicht mehr richtig ist. Wie man das Ding nennt, — — das wäre wirklich ganz gleich. Aber hier wird, um der Klarheit willen, Verwirrung getrieben. Die ökonomische Macht der Bourgeoisie ist ihr Besitz an Produktionsmitteln, und zur Sicherung dieses ökonomischen Zustandes bedient sie sich politischer (so wird das genannt) Machtmittel. Diese Machtmittel sind ein ökonomischer Zustand, schon weil sie von diesem Zustand bedingt sind. Sie sind, wie die I.W.W. ganz richtig sagt: der Stock in den Händen der ökonomisch herrschenden Klasse gegen die Proletarierhunde, die diesen ökonomischen Zustand beseitigen, oder in ihm ihre eigenen Interessen wahren wollen. Ohne diesen Stock ist die Kapitalsherrschaft undenkbar, und so sind die politischen Machtmittel, entgegen der Auffassung der I.W.W., kein „bloßer Reflex“, kein „leerer Schatten“ des herrschenden Systems: sie sind das „Schwert“ in den Händen der Herrschenden. Ein Schatten, ein Reflex kann nicht ein Knüppel sein, und hier tritt schon rein stilistisch im Programm der I.W.W. ein Widerspruch zutage. Um die Substanz zu treffen, kann man allerdings nicht hinter einem Schatten jagen; aber wie schon gesagt, der „Stock“ ist kein Schatten, sondern ebenfalls „Substanz“, und es ist durchaus nicht unsinnig (auch wenn die I.W.W. das meint), wenn der mit dem Stock geschlagene Hund seine Zähne in diesen Stock vergräbt; denn unter Umständen kann er dem Schläger den Stock aus den Händen reißen und diesen damit vollkommen wehrlos machen. Kein Schatten, ein Stock hält das Proletariat von der Substanz (der ökonomischen Herrschaft) zurück, allein durch die Entreißung dieses Stockes wird der Weg zur Macht frei. So unsinnig, so in die Augen springend primitiv diese Argumentation der I.W.W. ist, so billig und scheinbar absichtlich oberflächlich ist ihre Beweisführung zur Erhärtung ihrer Auffassung. Es ist nicht wahr, daß die Arbeiter Schwedens und Deutschlands ihrer Bourgeoisie den Regierungsknüppel aus den Händen gewunden haben; und weil das nicht wahr ist, stimmt auch nicht die Behauptung, „daß der sozialistische Knüppel genau so schlecht war, wie der kapitalistische.“ Die parlamentarische Beteiligung sozialreformistischer Arbeiter-Organisationen in der bürgerlichen Demokratie (es gab bisher keinen anderen Zustand in Schweden und Deutschland) läßt den Knüppel immer in den Händen der Bourgeoisie. Die Arbeiter Schwedens und Deutschlands waren nie Besitzer der politischen Gewalt, denn die politische Gewalt ist nichts von der ökonomischen Herrschaft Losgelöstes, sondern nur denkbar als eine Einheit. Es gibt keine Bourgeoisie ohne politische Gewalt, und es gibt keine politische Gewalt des Proletariats ohne die Herrschaft über die Produktionsmittel. Die politische Gewalt des russischen Proletariats vor der N.E.P., abgesehen davon, daß sie eine Parteigewalt war, war mit der Enteignung der russischen Bourgeoisie verbunden und zerbrach allein an der ökonomischen Notwendigkeit des russischen gesellschaftlichen Zustandes, dem die Voraussetzungen zur kommunistischen Wirtschaft fehlten. Diese Parteigewalt, die russische politische Gewalt, mußte den Interessen einer Neukonsolidierung des russischen Kapitals dienen, da es eben keine Trennung zwischen Oekonomie und Politik, zwischen Wirtschaft und Staat gibt, da mit dem Knüppel der Mann fällt; wenn der Mann steht, er auch den Knüppel hat.

Wir werden an anderen Punkten unserer Kritik noch auf diese „Frage“ zurückkommen, hier sei vorläufig nur noch gesagt, daß die I.W.W. mit ihrem eigenen Diktionär nichts erreicht, sondern die notwendige Klarheit trübt. Ein Teil der I.W.W.-Genossen weiß nichts von diesem „eigenen Diktionär und läßt sich bei Demonstrationen (oder denkt dies doch wenigstens theoretisch) mit verschränkten Armen den Gummiknüppel über den Schädel schlagen. Oder glaubt, wie der Genosse J. Wagner, da man in Amerika eine Pistole ohne weiteres nicht kaufen kann, daß eine politische Revolution, Kampf eines bewaffneten Proletariats unmöglich ist. Und doch haben I.W.W.-Genossen 1911, in Ludlow und auch zu anderen Zeiten mit „eigenen“ Maschinengewehren „ökonomisch“ dazwischengeknallt und manch ein Hüter des „politischen“ Gesetzes hat schon ins Gras beißen müssen. Genosse Wagner sagt in einer Polemik gegen die Auffassung des politischen Kampfes der A.A.U.: „Wenn die A.A.U. jede Aktion des Proletariats eine politische nennt, so würde auch das Kaufen eines belegten Brötchens an der Wurstbude politischen Charakter tragen.“ Mit dieser billigen Polemik zu antworten, würde ergeben, daß, wenn alles ökonomische Handlungen sind, auch das Begrüßungsschreiben der I.W.W. an den D.I.V. eine ökonomische Aktion bedeutet.

So kommt man nicht weiter und sich nicht näher im Verstehen. Die I.W.W. soll ihren eigenen Diktionär behalten, solange es ihr Vergnügen macht, — sie soll aber den Shawschen Witz bei Bernhard Shaw lassen, und einfach ehrlich sprechen. Soll sagen: Auch wir werden gegen die Machtmittel der Bourgeoisie anrennen, die ihr politisch nennt und wir ökonomisch, weil es uns so Spaß macht, oder: Wir wollen die Produktion übernehmen, wie die Sozialdemokratie auf evolutionistischem Wege, nicht mit revolutionären Mitteln — damit man sie wie die Sozialdemokratie behandeln kann.

Auch hierauf werden wir noch eingehen müssen.

III.

Die seltsame, rein ökonomische Auffassung des Klassenkampfes zeugte die noch seltsamere Theorie der „absolut rein ökonomischen direkten Aktion“, die den Streik um Verbesserungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft sowohl, als auch zur Uebernahme der Produktion durch das Proletariat führen soll. Die Streiktaktik der I.W.W. in den U.S.A. hatte Erfolge und ist damit legitimiert; die Vorstellungen über die Uebernahme der Produktion durch das Proletariat sind, soweit sie überhaupt auftreten, ein Phantasiegebilde, das bei einem Marxisten peinliche Gefühle erweckt. Hier muß bemerkt werden, daß die Internationalität der I.W.W. bisher nur Wille ist, und daß dieselbe, als ein amerikanisches Gewächs, ihre Ideologie in einem amerikanischen Rahmen unterbringen mußte. Das Programm entstand zu einer Zeit, als das amerikanische Kapital zu Riesensprüngen ansetzte, um in den (jetzt bereits ablaufenden) Zustand größtmöglichster Prosperität zu gelangen. Der Sturz eines wachsenden Kapitalismus kann nicht der erste Punkt auf der Tagesordnung des Proletariats sein. Es hat auf die schwächsten Momente der Bourgeoisie zu warten und das Problem der Machtübernahme mußte so für die I.W.W. in der Gründerzeit ihrer Organisation natürlich ein zweitrangiges sein. Die Stärkung des amerikanischen Kapitals durch den Krieg, seine jetzige Vormachtstellung, die wohl auf faulen Fundamenten, aber doch ruht, läßt eine Auffassung der Todeskrise des Kapitals, die zur sofortigen Ausnützung drängt, nicht in der Art zu, wie sie den deutschen revolutionären Marxisten geläufig ist. Man lebt nach der Auffassung, daß irgend „eine Zeit“ zu kommen hat, spricht von der Unreife des Proletariats, davon, daß es militärisch nie ein Faktor sein kann, daß man den Punkt abzuwarten habe, wo der Kapitalismus sich selbst festgefahren hat, wo er die Produktion nicht mehr führen kann (wörtlich: „sie aus den Händen gleiten läßt“) und das Proletariat (technisch in jeder Hinsicht gebildet) so ohne einen Tropfen Blut, allein, weil die Produktion den Kapitalisten „aus den Händen gleitet“, (na, ganz einfach) die Produktion nun bedarfskommunistisch in Bewegung setzt; den Soldaten, Gerichten, Parlamenten keine Löhne oder Diäten mehr bezahlt, sie also verhungern läßt oder durch Not in die Fabriken treibt. Diese Vorstellungen gehen weit über das Lächerliche hinaus. Sie deuten nicht auf einen revolutionären, sondern auf einen evolutionären Charakter hin. So kann man in den Straßen Chicagos Agitatoren der I.W.W. hören, die diese Gegensätze frei- oder unfreiwillig durcheinander bringen oder verwechseln. Jedoch: da sind die Prinzipien eindeutig, klar, ein Bekenntnis zum ewigen Klassenkampf. Da wird trotz allem mit Energie behauptet: die I.W.W. ist eine revolutionäre Arbeiterorganisation.

Verwirrung und Unklarheit sind im Programm der I.W.W. nicht zu missen. Auch die Debatten, welche bisher zwischen A.A.U. und I.W.W. geführt wurden, haben diesen Eindruck bei den Genossen der A.A.U. nur noch verstärken können.

Ihren proletarischen, revolutionären Charakter konnte die I.W.W. trotzdem nicht verleugnen, selbst wenn sie dies wollte. Gerade die internationalen Diskussionen werden das Blickfeld der I.W.W. ungemein erweitern; sie werden die Fragen des Klassenkampfes nicht mehr vom amerikanischen Gesichtspunkt allein, sondern von demjenigen der Weltrevolution aus zu beantworten haben. Ebensowenig wie Amerika die Welt darstellt, ist die I.W.W. die alleinseligmachende Arbeiterorganisation. Es ist eine Anmaßung und ein nicht mehr nützlicher Grad von Selbstbewußtsein, folgendes zu behaupten: „Gegenwärtig, da alle anderen sozialistischen Theorien und Bewegungen fehlschlagen, auch keine Hoffnungen für die Zukunft mehr erwecken können, steht allein die I.W.W. in der Meinung der Arbeiter der ganzen Welt als Meister der Situation da.“ Wie können Theorien fehlschlagen, die niemals praktisch verwertet wurden? Der frühere Kautsky, der frühere Hilferding, der frühere Lenin — was ist da fehlgeschlagen? Die Sozialdemokratie, die drei Internationalen — was haben diese Organisationen getan, um der marxistischen Auffassung in der Praxis des Klassenkampfes gerecht zu werden? Die europäischen Marxisten sehen im Fehlschlag des Bolschewikiexperiments nicht eine Schwäche, sondern den Beweis für die Kraft und die Sicherheit ihrer marxistischen Auffassung. Die Hoffnungen des Proletariats auf eine überlieferte Organisationsform, sein Vertrauen in Führer-Organisationen auf kapitalistisch-politischer Basis schlugen fehl. Die Schwäche lag nicht in der Theorie, sie lag in der Praxis. Jedoch die Hoffnungen des europäischen Proletariats sind nicht erschlagen, auch nicht auf die I.W.W. gerichtet. Die Hoffnung des europäischen Proletariats saugt ihre Kraft aus den andersgearteten, fortgeschrittenen (im bürgerlich zersetzenden — proletarisch stärkenden Sinne) Verhältnissen Europas, die das Proletariat vor andere Aufgaben stellen, als sie die amerikanischen Arbeiter vor sich haben. Die Theorie der I.W.W. reicht nicht aus, um den Anforderungen der europäisch-revolutionären Situation gerecht zu werden.

Nur an einem Punkt und zum Glück dem hauptsächlichsten, ist die I.W.W. dem europäischen Proletariat zum Vorbild geworden. Die Zerstörung der alten Organisationsform (Gewerkschaften, politisch-parlamentarische Führerorganisation) ist für das europäische Proletariat ebenso notwendig, wie für das amerikanische auch. Die Erweckung des Selbstbewußtseins in Verbindung mit einer dem monopolisierten Kapital gewachsenen, geschlossenen, von den Mitgliedern allein bestimmten Organisation des Proletariats, die nur Klassen- und keine anderen Interessen mehr hat, die eindeutige, die erste, wirkliche Klassenkampforganisation des Proletariats ist zu schaffen. Dieses Neue, dieser erste Willensausdruck eines nicht mehr mit der Bourgeoisie verketteten Proletariats, hat in der amerikanischen I.W.W. seinen ersten Niederschlag gefunden. Diese Idee, nicht das widerspruchsvolle Drum und Dran ist das Geschenk der I.W.W. an das Weltproletariat. Die Arbeiterorganisation in letzter Konsequenz ist ein anderer, ein wirklich moralischer Faktor, der uns Marxisten mehr bedeutet, als die einst in viel gefährlicheren Widersprüchen und Zweifeln geborene 3. Internationale. Das Abwenden von Moskau hat gezeigt, daß die I.W.W. ihrer selbst gerecht zu werden versteht und eine neue Internationale wird wirklich den Ideen der Schöpfer der I.W.W. insoweit entsprechen, als sie in ihrer Prinzipienerklärung enthalten sind.

IV.

Die Verkennung der europäischen Situation durch die I.W.W. findet ihre beste Formel in der fast allgemeinen Auffassung, daß Lohnkämpfe und andere, den kapitalistischen Rahmen nicht sprengende Verbesserungen, dem europäischen Proletariat noch genau so möglich sind, wie dem amerikanischen. Dies ist jedoch kein Streitpunkt von tieferer Bedeutung, hier kann man mit Tatsachen erwidern. Auch, daß die spaßige Kampfmethode, der „Streik im Betrieb“, etwas in Europa Undenkbares ist, will den Genossen der I.W.W. schwer einleuchten. Die vollkommene Ignorierung der staatlichen Machtmittel hinderte Rockefeller in Colorado nicht, I.W.W.-Genossen zu morden und ein Streik in den Betrieben ist eine auch hier schon veraltete Taktik, die spezifisch amerikanisch, eine auch nur auf Bezirke begrenzte, der Bourgeoisie vollkommen ungefährliche Verhandlungszeit darstellt. „Streik in den Betrieben mit fortlaufender Entlohnung“, wie kann man darüber überhaupt ernsthaft reden. Wer streikt, liegt auf der Straße, in Amerika und überall. Und wer in die Betriebe will, ob „um zu streiken“, oder Streikbrecher zu entfernen, der wird abgeknallt von den Rockefellers des Erdballes. Die I.W.W. argumentiert hier mit Dingen, die gar nicht mehr da sind.

Die Lohnkämpfe in Europa liegen noch in den Händen der konterrevolutionären Gewerkschaften und der von ihr geschaffenen Schlichtungsordnung. Bei Abkehrung des Proletariats von diesen Organisationen, die im Interesse des herrschenden Systems, das sich mit ihrem eigenen deckt, diese Kämpfe verraten müssen, würden Lohnkämpfe systematisch zu politischen, d. h.: Kämpfe um die Macht, die Produktionsmittel. Zu Zugeständnissen, die für das Proletariat von Bedeutung wären, ist die Bourgeoisie nicht mehr imstande. Ein Proletariat kann nicht erkämpfen, was nicht da ist, eine Klassenorganisation kann in Europa nur Klassenpolitik in letzter Instanz treiben. Ein Kampf des Proletariats den Klauen der Führerbürokratie, den konterrevolutionären Organisationen entrissen, würde die Staatsgewalt den Knüppel mobil machen und dem bewaffneten Kampf oder der völligen Preisgabe wäre nicht auszuweichen. Hierbei bliebe noch unberücksichtigt, daß ein vom Sozialreformismus losgelöstes Proletariat, keine sozialreformistische Politik treiben kann und würde. Wäre die „One big Union“ eine Möglichkeit, so hätte sie politische Kämpfe im Gefolge, eine Ignoranz wäre dann undenkbar, denn sie bedeutete den Tod.

V.

Die I.W.W. ist eine wirtschaftliche Organisation. Sie ist nicht antipolitisch, sie ist apolitisch. Sie bekämpft nur politische Parteien aus Selbsterhaltungstrieb und nur dann, wenn diese Parteien sich gegen sie wenden. Sie greift nicht an, schlägt nur zurück. Sie hat sich, wie im Programm gesagt wird, keinem Dogma, keiner „gebieterischen Philosophie“ verschrieben, duldet alle Ueberzeugungen in ihren Reihen, also auch Leute, die zur Kirche gehen, oder Hoover wählten oder den EKKI-Kurs mitmachten, absolut Alles, was nur arbeitet. Sie drängt tatsächlich zur „One big Union“ und denkt, ihre Organisation würde schon allein durch ihre Existenz imstande sein, einst den Laden zu schmeißen. Heute spitzt sich alles zu auf Reformen und Lohnverbesserungen und als Endziel propagiert man die Uebernahme der Produktion und baut die neuen Produktionsorgane, die neue Gesellschaftsform „in der Schale der alten“. Die I.W.W. ist nicht antiparlamentarisch, das ist ja ein politisches Problem; sie ignoriert dies, wie die anderen politischen Fragen. Sie ist nicht gegen den Staat, für sie existiert der Staat gar nicht. Alle Wege, die zur Massenorganisation führen, sind von ihr freigelegt. Wer mehr Lohn haben will, der soll zur I.W.W. gehen. Er kann zwar als Mitglied der sozialistischen Partei Amerikas gleichzeitig seine Willensäußerung wieder aufheben, aber das macht nichts, die I.W.W. ist loyal, sie ist großzügig. Auf ein paar Jahrhunderte kommt es ihr nicht an. Irgendwann wird in der Weltgeschichte schon wieder ein Parallelfall der Auflösung Roms eintreten. Dann werden sie die Produktion schon übernehmen, denn bis dahin haben sie genug Handbücher herausgegeben, aus denen zu ersehen ist, wie ein Chemietrust oder eine Strumpffabrik geleitet sein will. So wie sie ihre ethische Seite, (wenigstens im Wortschwall) der christlichen Phraseologie entlehnen, so könnten sie sich oft als Motto setzen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Sie können sich nicht damit abfinden, daß das Proletariat in seinen Kämpfen Verluste haben wird. Die Toten von Colorado peinigen ihr Gewissen, vielleicht gäbe es doch einen anderen Weg, einen, auf dem keine Toten bleiben. Vielleicht hat man Fehler gemacht, denn es gab Tote. Eigentümlich ist die Angst vor Verlusten, die ihre eigenartige Theorie formte, sie möchten nicht gern einen Proletarier vermissen. Der gute Mann kann vielleicht blöd sein, aber ein Interesse muß er haben: mehr Lohn zu empfangen, und wenn die Bourgeoisie keinen Lohn mehr zahlen kann, so doch weiterzuleben durch eine Aenderung der Gesellschaftsordnung. Stumpfsinnig kann er zur I.W.W. kommen, bis zur Zeit des großen Kladderadatsch wird er schon genügend gelernt haben, um Gott, Hoover oder Stalin vergessen zu können.

Die I.W.W. erscheint jesuitisch: sie operiert mit allen und nach allen Richtungen. Sie greift zu einem Bittgesuch an einen amerikanischen Gouverneur so leicht, wie zur Ausdehnung eines Streiks auf weitere Staaten. Sie duldet alles, sobald es ihren Zwecken dient. Ist das Proletariat nicht durch Versammlungen zu erreichen, so kriegt man es doch durch Bälle. Man ist nicht Marxist, selbst, wenn man marxistisch denkt, nur keine Namen nennen, sich zu nichts bekennen, man kann so und auch so, alles für das eine Ziel: zu zeigen, die IWW, ist die Organisation des Proletariats, denn sie verbessert das Leben der Proletarier, rettet sie vor dem Untergang, jetzt und immer.

VI.

Zusammengedrängt läßt sich die theoretische Auffassung der I.W.W. auf folgende Basis bringen: sie war und ist die erste Arbeiter-Organisation Amerikas, die mit Klassenzielen auftritt. Sie entstand und fand ihre Formulierung in einer Epoche des höchstentwickeltsten Industrialismus, der schärfsten Konzentrationsbewegung des sich noch immer vorwärtsentwickelnden amerikanischen Kapitals. Sie schuf eine Organisation nach Industrien, um an Schlagkraft das größtmöglichste herauszuholen: um der Konzentration des Kapitals die Konzentration des Proletariats entgegenzusetzen. Sie erkennt die Gewerkschaftsbewegung als eine kapitalistische Organisation und bekämpft sie wie den Kapitalismus überhaupt. Als Klassenorganisation beteiligt sie sich nicht an kapitalistischer Politik, ist so immun gegen die Verlockungen der üblichen Spiegelfechterei der amerikanischen politischen Parteien und der damit verbundenen Vorteile. Sie sah und sieht einen riesenstarken Kapitalismus vor sich, glaubt an sein Ende, doch nicht an sein baldiges. Sie teilt die Auffassung der Marxisten in bezug auf die Erkennung der Struktur des Kapitalismus und seiner geschichtlichen Entwicklung wie Begrenzung. Sie ist überzeugt, daß die „Todeskrise“ ein schon begonnener Prozeß ist, dessen Ende jedoch noch nicht abzusehen ist. Sie ist überzeugt, auch durch Erfahrung, daß es möglich ist, dem Kapital Zugeständnisse abzuringen, und führt einen Kampf um Verbesserung der Lebenslage des Proletariats mit allen Mitteln, ihre Kampftaktik unterliegt nicht Prinzipien, sondern dem Erfolg. Geht eine Partei während eines Streiks gemeinsam mit der I.W.W., so wird man diese Partei nicht angreifen; erst dann, wenn sie sich gegen die I.W.W., d. h. in einem Streik gegen die Streiker und den Streik richtet. Sie entfacht, führt und beendet Streiks, nie gegen, sondern nur durch den Willen der Streikenden. Sie ist nicht föderalistisch, sondern straff zentralistisch aufgebaut; doch auf einer Basis, die diese Zentralisierung fruchtbar und ungefährlich macht.

Die Betriebs-Organisationen (wie die BO. der A.A.U.) sind die Teile der Industrie-Organisationen. Die Organisation nach Industrien ist die Folge der Auffassung, daß innerhalb der jetzigen Gesellschaftsordnung schon die Struktur der neuen Gesellschaft zu legen ist. Sie haben die Struktur der kommunistischen Gesellschaft gebrauchsfertig in der Tasche. Auch als Streikwaffe bewährt sich der Streik nach Industrien; dieser Punkt soll kein Differenzpunkt zwischen I.W.W. und A.A.U. sein. Die Schulung ist neben und mit dem Streik das erste Wort der I.W.W. Sie gerieten in dieser Frage auf absonderliche Wege, z. B. zu der Auffassung, man habe das Proletariat technisch so weit vorzubilden, daß es, wie schon vorher gesagt, imstande sei, die Wirtschaft mit der Uebernahme der Produktionsmittel auch führen zu können. Doch ist es um diesen Punkt schon still geworden. Die Schulung der Proletarier durch die I.W.W. ist die Schulung zum Klassenkampf. Sie verwendet ihre Kraft mehr im täglichen Kampfe, als in der Sorge um die Zukunft. Die Presse der I.W.W., von Arbeitern geschrieben, beweist, daß ihre Stellung zu proletarischen Problemen heute ihr Programm bei weitem überragt. Eine Anzahl guter Marxisten wirkt in der I.W.W. und wird auch die Theorie über kurz oder lang den neuen Verhältnissen anpassen.

Wir haben hier versucht, was uns am I.W.W.-Programm irritiert, zurechtzurücken. Ohne Zweifel werden die Genossen der A.A.U. dieses Programm nicht in allen, sondern nur sehr wenigen Punkten decken können. So sehr auch dieses Programm behaupten mag, eine wirkliche, authentische Darstellung der Grundsätze und Prinzipien der I.W.W. zu sein, so wenig kann man ihm glauben, sobald man innerhalb dieser Organisation lebt, ihren Kampf und ihre Mitglieder kennt. Sehr oft wird behauptet, die I.W.W. hätte syndikalistische Tendenzen. Das ist nicht zutreffend. Sie zählt ohne Zweifel Syndikalisten in ihren Reihen, aber sie verwirft als Organisation aufs energischste syndikalistische Theorien. Ihr Endziel ist durchaus dasselbe, wie das der A.A.U.: nicht Zerstörung, sondern Entfaltung der Produktionskräfte, die der Kapitalismus hindert. Doch der Weg zu diesem Ziel deckt sich nicht mit dem der A.A.U. Die A.A.U. darf aber deswegen nicht in eine Borniertheit verfallen, die sich an einem schlechtverfaßten Programm stößt, sie hat die Pflicht, weiter zu sehen. Sie kann nicht auf Kritik verzichten, aber in ihrer Kritik wurzelt der Wille, sich näher zu kommen. Die A.A.U. muß eine Verbindung mit der I.W.W. wünschen und hat für sie zu arbeiten. Die heftigsten Debatten zwischen I.W.W. und A.A.U. werden nicht verhindern können, daß sie trotzdem auf einer Linie kämpfen: Gegen Amsterdam und Moskau, gegen die verräterischen Organisationen, — für die Organisierung des Proletariats als Klasse, für wirkliche Kampforganisationen des Proletariats.


%d blogueurs aiment cette page :