1936 Der Faschismus [Bauer]

Den Revolutionen von 1918 ist die Gegenrevolution gefolgt. Aber nicht überall trug die Gegenrevolution die besonderen Cha­rakterzüge des Faschismus. In Polen wurde die Demokratie von der Militärdiktatur Pilsudskis abgelöst. In Jugoslawien trat an die Stelle der Demokratie ein dynastisch-militärischer Abso­lutismus alten Schlages. Die »Erwachenden Ungarn« der unga­rischen Gegenrevolution von 1919 und die Terrorgruppen, die die bulgarische Regierung Zankoff gegen die gestürzte Bauern­partei und gegen die Arbeiter ausschickte, hatten allerdings schon einen den faschistischen Stoßtrupps ähnlichen Charakter; aber nach kurzer Zeit fiel in beiden Ländern die Macht doch in die Hände der alten und altmodischen Oligarchie zurück. Die neue, ‘faschistische Form der Despotie ist zuerst in Italien und in Deutschland zum Siege gelangt. Heute freilich ist sie die neuge­fundene Form der Diktatur der kapitalistischen Klassen, deren Methoden nun auch von gegenrevolutionären Regierungen an­deren Ursprungs nachgeahmt werden.

Der Faschismus ist das Resultat dreier eng miteinander ver­schlungener sozialer Prozesse. Erstens hat der Krieg Massen von Kriegsteilnehmern aus dem bürgerlichen Leben hinausgeschleudert und deklassiert. Unfähig, in die bürgerlichen Erwerbs- und Lebensformen zurückzufinden, an den im Kriege erworbenen Le­bensformen und Ideologien hangend, bildeten sie nach dem Kriege die faschistischen »Milizen«, die völkischen »Wehrver­bände« mit einer eigenartigen militaristischen, antidemokrati­schen, nationalistischen Ideologie. Zweitens haben die Wirtschaftskrisen der Nachkriegszeit breite Massen von Kleinbürgern und Bauern verelendet. Diese Massen, pauperisiert und erbittert, fielen von den bürgerlich-demokratischen Massenparteien, denen sie bisher Gefolgschaft geleistet hatten, ab, sie wandten sich ent­täuscht und haßerfüllt gegen die Demokratie, mittels deren sie bisher ihre Interessen vertreten hatten, sie scharten sich um die militaristisch-nationalistischen »Milizen« und »Wehrverbände«.

 


Drittens haben die Wirtschaftskrisen der Nachkriegszeit die Pro­fite der Kapitalistenklasse gesenkt. Die Kapitalistenklasse, an ihren Profiten bedroht, will ihre Profite durch Steigerung des Grades der Ausbeutung wiederherstellen. Sie will den Wider­stand, den die Arbeiterklasse dem entgegensetzt, brechen. Sie verzweifelt daran, dies unter demokratischer Herrschaft zu kön­nen. Sie bedient sich der um die faschistischen und völkischen Milizen gescharten rebellischen Massenbewegungen der Klein­bürger und Bauern zuerst, um die Arbeiterklasse einzuschüch­tern und in die Defensive zu drängen, später um die Demokratie zu zerschlagen. Sie unterstützt die Faschisten zuerst mit ihren Geldmitteln. Sie verhält ihren Staatsapparat, den faschistischen Milizen Waffen zu liefern und den faschistischen Gewaltaktio­nen gegen die Arbeiterklasse Straflosigkeit zu sichern. Sie ver­hält ihn schließlich, die Staatsmacht den Faschisten zu über­geben.

Betrachten wir diese drei miteinander verbundenen sozialen Prozesse etwas näher!

Die Keimzellen der faschistischen Partei Italiens bildeten sich aus nach dem Kriege demobilisierten Reserveoffizieren. Sie hat­ten Jahre lang kommandiert; jetzt fanden sie im bürgerlichen Leben keine ihrem Selbstgefühl, ihrem Ehrgeiz entsprechende Stellung. Um sie scharten sich Deklassierte aus den Reihen der »Arditi«, der Stoßtruppen des Krieges, stolz auf ihre Kriegsaus­zeichnungen und Kriegswunden, erbittert, weil das Vaterland, für das sie geblutet hatten, ihnen keine oder keine ihren Ansprü­chen genügende Stellung bieten konnte. Sie wollten die im Kriege erworbenen Gewohnheiten nicht aufgeben. Sie wollten kom­mandieren und kommandiert werden, uniform tragen und mar­schieren. Sie begannen die Aufstellung einer Privatarmee. In Deutschland war diese Schicht noch breiter. Der Friedens vertrag von Versailles hatte Deutschland zum Abbau eines Großteils seiner Berufsoffiziere gezwungen. Sie stellten die Führerschicht der militärischen »Freikorps« und »Wehrverbände« die sich nach dem Kriege zu bilden begannen. Die politischen Wirren der Nachkriegszeit gaben den in Bildung begriffenen faschistischen Milizen die Gelegenheit zur Festigung und zur Hebung ihres Prestiges: in Italien das Abenteuer von Fiume, in Deutschland die Kämpfe im Baltikum und in Oberschlesien.

In diesen Keimzellen des Faschismus entwickelte sich seine ur­sprüngliche Ideologie. Aus dem Kriege erwachsen, ist sie vor allem militaristisch: sie fordert Disziplin der Masse gegenüber der Kommandogewalt des Führers. Sie wendet sich schroff gegen


das Selbstbestimmungsrecht der nur zu diszipliniertem Gehor­sam berufenen Masse und ist damit aller Demokratie feind. Sie verachtet das »bürgerliche«, zivilistische Streben nach Frieden, Wohlstand und Behagen und stellt ihm ein kriegerisches, »hero­isches« Lebensideal entgegen. Sie ist erfüllt von dem durch den Krieg aufgepeitschten Nationalismus. Sie sucht die Volksmas­sen aufzupeitschen gegen die liberale Regierung Italiens, die sich von den Bundesgenossen um die Siegesbeute habe prellen lassen, gegen die republikanische Regierung Deutschlands, die sich wür­delos dem Diktat der Siegermächte unterwerfe. Sie ist typisch kleinbürgerlich, gegen das Großkapital und gegen das Proleta­riat zugleich gerichtet; denn der Offizier haßt den Schieber und ‘ Kriegsgewinner und verachtet den Proleten. Ihr Antikapitalismus ist freilich nur gegen die spezifischen parasitischen Kapi­talsformen der Kriegs- und Inflationszeit gerichtet; der Offizier schätzt die Kriegsindustrie, aber er haßt den Schieber, er ist darum feind nur dem »raffenden«, nicht dem »schaffenden« Ka­pital. Desto leidenschaftlicher ist ihre Gegnerschaft gegen den proletarischen Sozialismus, der in Italien das Eingreifen in den Krieg leidenschaftlich bekämpft hat und eben darum nach dem Kriege sprunghaft erstarkt ist, in Deutschland durch die Nieder­lage zur Macht gekommen ist und ihr darum als der Nutznießer der Niederlage, als der Agent der Siegermächte erscheint. Sie stellt in der Zeit der größten Anziehungskraft des Sozialismus auf die Massen ihr Ideal als einen »nationalen Sozialismus« dar und als solchen dem proletarischen Sozialismus entgegen: wahrer, nationaler Sozialismus bedeute nicht die egoistische Ausnützung der Kriegsfolgen durch das Proletariat, sondern die Unterord­nung alles »Eigennutzes« unter den »Gemeinnutz«, aller wirt­schaftlichen und sozialen Kräfte unter die Aufgabe der nationa­len Behauptung gegen den äußeren Feind. Sie verknüpft ihren Nationalismus mit antibourgeoisen Gedankengängen: die bür­gerliche Demokratie des Westens sei nichts als die Klassenherr­schaft der reichsten und mächtigsten Kapitalistenklassen; Italien, »die große Proletarierin«, sei von den englischen, französischen, amerikanischen Kapitalisten um die Beute des Sieges betrogen, das deutsche Volk der internationalen, der jüdischen Hochfinanz, die sich hinter der westlichen Demokratie berge und die deutsche Demokratie als ihr Werkzeug gebrauche, tributpflichtig gemacht worden. 5ie stellt ihren Kampf gegen die Demokratie vor den Volksmassen als einen Kampf gegen die Klassenherrschaft der Bourgeoisie, vor den Kapitalisten als einen Kampf gegen die Pöbelherrschaft des Proletariats, vor der nationalistischen In-


telligenz als einen Kampf um die Zusammenballung aller natio­nalen Kräfte zum Kampf gegen den äußeren Feind hin.

Aber die militärischen Stoßtrupps, die die ursprünglichen Trä­ger der faschistischen Ideologie waren, konnten Kraft nur ge­winnen, wenn es ihnen gelang, breitere Massen unter ihre Füh­rung, in ihre Gefolgschaft zu bringen. Die erste soziale Schicht, die sich mit der aus dem Kriege erwachsenen faschistischen Ideo­logie erfüllte, war die Intelligenz.

In Italien und in Deutschland war die parlamentarische De­mokratie jungen Datums. In Italien war die parlamentarische Regierungsform alt; aber erst seit 1913 wurde das Parlament auf Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes gewählt. In Deutschland war das allgemeine und gleiche Wahlrecht alt; aber erst seit 1918 war die Regierung dem Parlament untergeordnet. In beiden Ländern war die Intelligenz von der jungen Demokra­tie bald enttäuschte Sie sah in ihr einerseits eine getarnte Pluto-kratie, andererseits die Herrschaft der Masse – der Masse, wie sie in der kapitalistischen Gesellschaft ist, einer ungebildeten, ro­hen, in Stunden der Erregung zur Gewalttätigkeit neigenden Masse. Selbst durch Geldentwertung und Wirtschaftskrisen ver­elendet, haßte die Intelligenz die Emporkömmlinge des Proletariats, die sich auf die Regierungsbank setzten. Verständnislos stand sie den Kämpfen um sozialpolitische Probleme gegenüber, die unter dem Druck der Massen das öffentliche Leben beherrsch­ten. Vor allem aber setzte der durch den Krieg aufgepeitschte Nationalismus die Intelligenz in Gegensatz gegen die junge Demokratie.

Als der Weltkrieg ausbrach, blieb Italien zunächst neutral. Monate lang wurde innerhalb der italienischen Bourgeoisie ein erbitterter Kampf darum geführt, ob Italien in der Neutralität verharren oder in den Krieg eingreifen solle. Für die Neutrali­tät kämpften die Sozialisten, die Katholiken, die von Giolitti geführte liberale Bourgeoisie und mit ihr die Mehrheit des Par­laments. Für den Krieg gegen Oesterreich erhob sich eine von der Schwerindustrie und dem Großgrundbesitz patronisierte, von der nationalistischen, in der Tradition des Risorgimento erzogenen Intelligenz geführte Massenbewegung. Gegen den Willen der Regierung und der Parlamentsmehrheit erzwang diese Bewegung das Eingreifen in den Krieg. In allen anderen Krieg führenden Ländern Europas mochten die Volksmassen glauben, daß das Vaterland vom Feinde überfallen, zum Kriege gezwungen worden sei; in Italien war der Krieg offensichtlich das Ergebnis freier Wahl. Diese Tatsache hat die Entwicklung


Italiens nach dem Kriege entscheidend bestimmt. Der Sozialis­mus hatte den Krieg bekämpft; als die Volksmassen durch die Leiden des Krieges hindurch gegangen waren, strömten sie in Massen dem Sozialismus zu. Eine gewaltige revolutionäre sozia­listische Bewegung ging in den ersten Nachkriegsjahren durch die italienischen Volksmassen. Andererseits aber waren die In­terventionisten da, die 1915 Italiens Eingreifen in den Krieg erzwungen hatten. Sie hatten schon 1915 gegen Liberale, Ka­tholiken und Sozialisten zugleich gekämpft. Sie hatten damals schon die Neutralisten, das unkriegerische liberale Händlertum auf der einen, die Sozialisten, denen es nur um das träge Beha­gen der Massen zu tun sei, auf der anderen Seite im Namen einer »heroischen« Lebensphilosophie bekämpft. Sie hatten damals schon das Parlament, das dem Krieg widerstrebte, zur Kapitu­lation gezwungen. Ihre Stoßtrupps hatten damals schon von der Straße aus die Entscheidung herbeigeführt. Die »interventio­nistische« Intelligenz stellte nach dem Kriege die Kaders, die sich um die militärischen Trupps der Faschisten scharten.

Deutschland hatte im Krieg einer Welt von Feinden in gewal­tigen Waffentaten standgehalten; schließlich erlag es doch der Übermacht. Aus der Niederlage ging die Revolution hervor, die die Republik gründete – eine Republik, in bitterster Not ent­standen, wehrlos gegen den Obermut der Sieger, mit schweren Tributen an die Sieger belastet, tausendemal von den Siegern gedemütigt, von einer schweren Wirtschaftserschütterung zur anderen wankend. Der Nationalismus der Intelligenz bäumte sich gegen die unwürdige Lage der Nation auf. Hatte nicht erst die Revolution dem Kriege ein Ende gesetzt? Bewies dies nicht, daß nur der »Dolchstoß von hinten« die Widerstandskraft des deutschen Heeres zerbrochen habe? Regierten nicht Proleten, die die Größe und Würde des Verlorenen und Zerstörten nicht be­griffen, Verräter, die den Dolchstoß geführt hatten, Empor­kömmlinge, denen die Niederlage der Nation zum Aufstieg ver­holten hatte, die Republik, um sich demütig jeder Forderung der Sieger zu unterwerfen? So speisten die Folgen der Nieder­lage im Weltkrieg den deutschen Nationalismus, der die nationalistische, in der preußisch-hohenzollernschen Tradition erzogene Intelligenz den völkischen Wehrverbänden zutrieb.

Die nationalistische Intelligenz wurde zur -Mittlerin zwischen den militärischen faschistisch-völkischen Stoßtrupps und den breiten Massen der Kleinbürger und der Bauern. Aber es be­durfte schwerer wirtschaftlicher und sozialer Erschütterungen, die breiten kleinbürgerlich-bäuerlichen Massen von den histo-

 


rischen bürgerlich-demokratischen Massenparteien loszureißen und sie dem Faschismus zuzuführen.

Nach dem Kriege wurde die wirtschaftliche und soziale Ent­wicklung der Staaten, die am Kriege teilgenommen hatten, zu­nächst durch die Inflation beherrscht. Mit der schnellen Ent­wertung des Geldes schrumpften die Ersparnisse der Kleinbür­ger zusammen, wurde das Betriebskapital der kleinen Kaufleute und Handwerksmeister aufgezehrt, wurden breite Schichten des Kleinbürgertums verelendet. Zugleich aber führte die Geldent­wertung zu immer größeren, immer leidenschaftlicher geführten Lohnkämpfen, die immer wieder Verkehrsmittel und öffentliche Betriebe stillegten Der Kleinbürger, der sich selbst gegen die Geldentwertung nicht zu wehren vermochte, war erbittert da­rüber, daß die Lohnkämpfe zwischen Kapital und Arbeit immer wieder seine Ruhe störten. Er hielt die von der Arbeiterklasse erzwungenen Lohnerhöhungen, Folgen der Geldentwertung, für ihre Ursache. Er war empört, daß sich Teile der Arbeiter­schaft immer wieder Lohnerhöhungen zu erkämpfen vermoch­ten, die sie für die Entwertung des Geldes entschädigten, wäh­rend er sein Einkommen nicht in dem Maße der Geldentwertung zu erhöhen vermochte. Er sah erbittert seine Lebenshaltung unter die mancher Schichten der Arbeiterschaft sinken, die Ver­teilung des Nationaleinkommens zu seinen Ungunsten verscho­ben. Haßte er die Inflationsschieber, so haßte er noch viel mehr die rebellische Arbeiterschaft.

Über ganz Italien ergoß sich im Jahre 1919 eine Welle von Streiks, die den großen und kleinen Unternehmern große Zuge­ständnisse abrangen. Die Streikwelle gipfelte in der bewaffneten Fabriksbesetzung im August 1920. Die liberale Regierung Giolitti wagte es nicht, der rebellischen Massenbewegung, die so­wohl die industrielle als auch die landwirtschaftliche Arbeiter­schaft erfaßt hatte, die Gewaltmittel des Staates entgegenzu­stellen. Sie suchte die Bewegung durch Verhandlungen, durch Vereinbarungen, durch Zugeständnisse, durch Kompromisse zu besänftigen. Das Parlament, in hadernde Parteien zerklüftet, vermochte keine stabile und starke Regierung aus sich zu bilden, keine der brennenden wirtschaftlichen Fragen anders als in müh­seligen Kompromiß Verhandlungen, keine daher schnell und ein­deutig zu lösen. So wandten sich denn breite Schichten des ita­lienischen Kleinbürgertums von der Demokratie ab. Sie wand­ten sich dem Glauben zu, daß nur ein eiserner Führerwille das Proletariat zum Gehorsam zwingen, den erbitterten, immer wieder den ruhigen Verlauf des Wirtschaftslebens unterbrechen­


den Klassenkämpfen und dem lahmenden Hader der Par­teien ein Ende setzen, die zerrüttete Volkswirtschaft wiederher­stellen könne.

Auch in Deutschland ist die faschistische völkische Bewegung schon in den ersten Nachkriegsjahren entstanden, schon in der Zeit der Inflation bedrohlich stark geworden. Als im Jahre 1923 der Ruhrkrieg die nationalistischen Leidenschaften stärkte, als damals die völlige Entwertung der Mark die Volksmassen pauperisierte, als völkische Wehrverbände an der Nordgrenze Bayerns aufmarschierten und mit dem Marsch auf Berlin droh­ten, war Deutschland damals schon in ernster Gefahr, in die Hände eines völkischen Faschismus zu fallen. Aber die bürger­liche Demokratie hat sich damals noch des Angriffs des Faschismus erwehrt. Der Ruhrkrieg hatte gezeigt, wie aussichtslos der Widerstand gegen die Siegermächte damals noch war. Die deutschen Bürger und Bauern brauchten damals die Hilfe der kapitalreichen Westmächte für die Stabilisierung der Mark, die Ver­ständigung mit ihnen über die Reparationen und vor allem große Kredite zum Wiederaufbau der deutschen Unternehmun­gen. Darum wollten sie damals kein nationalistisch-faschistisches Abenteuer. Nach der Stabilisierung der Mark, in der Zeit des schnellen Anstiegs der deutschen Warenpreise, des gewaltigen Zuströmens von Auslandskrediten ebbte die völkische Flut schnell ab. Kleinbürger und Bauern folgten nun wieder willig den demokratischen Parteien. Die nationalsozialistische Partei Hitlers war in der Zeit der Prosperität eine bedeutungslose Split­terpartei. Aber sobald 1929 die Krise hereinbrach, entstand der völkische Faschismus von neuem. Die Demokratie vermochte Kleinbürger und Bauern vor der Verelendung durch die Krise nicht zu schützen; Kleinbürger und Bauern wandten sich gegen die Demokratie. Da die demokratischen Parteien den verelende­ten Massen nicht zu helfen vermochten, strömten die verelen­deten Massen den Nationalsozialisten zu. In schnellem Sieges­zug eroberte der Nationalsozialismus die Kleinbürger und die Bauern.

Aber ist die faschistische Bewegung vorerst zu einer Massen­bewegung der Kleinbürger und Bauern geworden so wurde sie zur Macht nur dadurch, daß sich die Kapitalistenklasse entschloß, sich ihrer zur Niederwerfung der Arbeiterklasse zu bedienen

Italien hat in den ersten beiden Jahren der Nachkriegszeit eine wahre Agrarrevolution durchgemacht. Stürmische Bewe­gungen der Pächter und Kolonen gegen die Großgrundbesitzer, der Taglöhner gegen die Großgrundbesitzer und gegen die Päch-


ter haben die italienische Agrarverfassung umgewälzt. Die Terzeria, der Anspruch des Großgrundbesitzers auf zwei Drit­tel der Erzeugnisse des Pächters, wurde beseitigt, die Lieferung von Saatgut und Düngemittel durch die Großgrundbesitzer er­zwungen, die Abstiftung der Pächter an die Zustimmung pari­tätischer Kommissionen gebunden. Die Taglöhner der Poebene erzwangen Lohnerhöhungen und die Garantie eines Minimums Jährlicher Arbeitstage. Ländereien von Großgrundbesitzern wur­den gewaltsam besetzt; die Regierung mußte die gewaltsame Bodenbesetzung durch Dekrete sanktionieren. Schließlich setzten sich die Großgrundbesitzer zur Wehr. Im Jahre 1921 riefen sie den Fascio zu Hilfe. Rief ein Großgrundbesitzer die Faschisten an, so besetzten sie schwer bewaffnet das Dorf, sie setzten den Gemeinderat ab und setzten einen neuen Bürgermeister ein, steckten den Sitz des Taglöhnerverbandes in Brand, mißhandel­ten und vertrieben seine Führer, mordeten alle, die Widerstand leisteten. Durch diese »Strafexpeditionen« wurde die Kraft des Landproletariats gebrochen.

Das Beispiel das die Großgrundbesitzer gegeben hatten, wurde von der städtischen Bourgeoisie nachgeahmt. Bald gab es auch in den Städten »Strafexpeditionen«: die Faschisten be­setzten die Städte, sie erzwangen den Rücktritt der roten Bür­germeister und Gemeinderäte, sie zerstörten die Gewerkschafts­lokale, sie vertrieben, mißhandelten, mordeten die Vertrauens­männer der Arbeiterschaft.

Die Kapitalistenklasse hatte das Mittel entdeckt, den stürmi­schen Angriff der Arbeiterklasse abzuwehren, die Arbeiterklasse niederzuwerfen. Noch dachte sie nicht daran, die Staatsmacht den Faschisten zu übergeben. Sie wollte vorerst sich der Faschi­sten nur als ihres Werkzeugs zur Niederwerfung der Arbeiter­klasse bedienen. Sie stellte den Faschisten reiche Geldmittel zur Verfügung, um ihnen die Erhaltung und Ausrüstung der Stoß­trupps, die jeden Tag gegen rebellische Arbeiter eingesetzt wer­den konnten, zu ermöglichen. Sie sorgte dafür, daß ihre Staats­gewalt die Aktionen der Faschisten förderte. Schon im Oktober 1920 hat der Generalstabschef Badoglio die Divisionskomman­deure angewiesen, die faschistische Bewegung zu unterstützen. Aus den Beständen der Armee gingen Waffen in die Hände der Faschisten über. Unternahmen die Faschisten »Strafexpeditio­nen« gegen die Arbeiterschaft, so griff die Polizei nur ein, um unter dem Verwände, Zusammenstöße zu verhüten, die Waf­fen der Arbeiter zu beschlagnahmen und ihre Führer zu ver­haften.


Aber die wohlfeilen Siege, die der Faschismus dank solcher Unterstützung der Staatsgewalt erkämpfen konnte, trieben ihm immer größere Massen zu. Bei den »Strafexpeditionen« konnte, wer das schwarze Hemd trug, ungestraft morden, Brand legen, rauben; diese Tatsache trieb dem Faschismus das ganze Lumpen­proletariat zu. Die Mitglieder der faschistischen Stoßtrupps wur­den aus den großen Subventionen der Kapitalisten und der Groß­grundbesitzer bekleidet und besoldet; das trieb Arbeitslose in ihre Reihen. Der Faschismus war in schnellem sieghaften Vor­marsch; das trieb ihm aus allen Klassen die Menschen zu, welche immer auf der Seite des Siegers sind. Die faschistische Miliz wurde zur Sammelstelle der Deklassierten aller Klassen. Dank der Hilfe, die sie von der Bourgeoisie erfahren hatte, wurde sie zu stark, um als bloßes Werkzeug der Bourgeoisie zu dienen. Sie griff nach der Macht selbst. Die Bourgeoisie hatte nur noch die Wahl, die faschistische Privatarmee, die sie finanziert und bewaffnet hatte, gewaltsam zu zerschmettern und damit das niedergeworfene Proletariat zu entfesseln oder der Privatarmee des Faschismus die Staatsmacht zu übergeben. In dieser Situation ließ die Bourgeoisie ihre eigenen Vertreter in der Regierung und im Parlament im Stich, sie zog die Übergabe der Staatsmacht an den Faschismus vor. Der Kampf zwischen Kapital und Ar­beit, in dessen Verlauf sich die Bourgeoisie der faschistischen Ge­walthaufen bedient hatte, schien damit zu enden, daß diese Gewalthaufen, nachdem sie das Proletariat niedergeworfen hat­ten, nun auch die Repräsentanten der Bourgeoisie aus dem Parla­ment und der Regierung davonjagen, auch die Bourgeois-Par­teien auflösen, über alle Klassen des Volks ihre Gewaltherrschaft aufrichten konnten. »Der Kampf scheint so geschlichtet, daß alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben nie­derknien.«1

Die Geschichte wiederholt siech in Deutschland. Auch hier wurde der völkische Faschismus schon in der Geldentwertungs­periode von der Bourgeoisie und ihrer Staatsgewalt gefördert. Die Junker beherbergten die aus dem Baltikum und aus Ober­schlesien heimgekehrten Freikorps auf ihren Landgütern. Die Schwerindustrie subventionierte die völkischen Wehrverbände. Die Staatsgewalt formierte aus ihnen die »Schwarze Reichs­wehr«. Die Regierung nützte 1923 die durch das Anschwellen der völkischen Bewegung hervorgegangene Massenstimmung,

1 Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, Frankfurt-Main 1965 (Sammlung Insel Band 9), S. 121 [Anm. d. Hrg.]


die Schwächung der vom völkischen Faschismus eingeschüchter­ten, in die Defensive gedrängten Arbeiterklasse aus zur Reichsexekution gegen die Arbeiterregierungen in Sachsen und Thü­ringen und zur Durchlöcherung des Achtstundentages. Aber die­ses Bündnis zwischen Kapital und Faschismus wurde nach der Beendigung des Ruhrkrieges zerrissen.

Als die deutsche Bourgeoisie nach der Beendigung des Ruhr­krieges große Auslandsanleihen zur Sicherung der wiederher­gestellten Währung und zur Leistung der Reparationsraten, große Auslandskredite für ihre Banken und Industrieunterneh­men zum Ersatze des durch die Inflation zerstörten zirkulieren­den  Kapitals, als sie darum die »Verständigungspolitik« brauchte, entzog sie der völkischen Bewegung ihre Unterstüt­zung. In der Prosperitätsperiode stützte die deutsche Bourgeoisie die bürgerlich-demokratischen Parteien. Die Volkspartei nahm an der demokratischen Regierung teil, die Deutschnationalen näherten sich der Demokratie. Erst nach dem Einbruch der Krise von 1929 begannen die Kapitalisten und die Junker sich wieder dem Faschismus zu nähern. Als die nationalsozialistische Be­wegung, in der Prosperitätszeit weit zurückgeworfen, unter dem Drucke der Krise schnell die durch die Krise verelendeten klein­bürgerlichen und bäuerlichen Massen eroberte, erkannten die Schwerindustrie und das Junkertum bald in ihr das Mittel, die Arbeiterklasse zurückzuwerfen, den Einfluß der Arbeiterpar­teien und der Gewerkschaften zurückzudrängen, die Hindernisse zu zerstören, die die demokratischen Institutionen dem Kampf des Kapitals um die Steigerung des Grades der Ausbeutung, um die Wiederherstellung der Profite bereiteten. Die Deutschnatio­nalen unter Hugenbergs Führung verbündeten sich mit Hitler in der »Harzburger Front«. Die Bourgeois-Fraktionen, die Brü-ning stützten, benützten die Angst der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften vor einer faschistischen Diktatur, um von ihnen die »Tolerierung« der kapitalistischen Diktatur Brünings, die die Lebenshaltung der Volksmassen mittels der Deflations­politik ihrer Notverordnungen schnell senkte, zu erpressen. Die nationalen Sturmtrupps erwiesen sich nützlich, die Zustimmung der Arbeiterorganisationen zur Senkung der Lebenshaltung der Arbeiter, die Zustimmung der Demokratie zu einer kapitalisti­schen Diktatur zu erpressen; daher strömten ihnen die Subven­tionen der Großindustrie in großen Beträgen zu. Reichswehr, Bürokratie und Richtertum, zufrieden damit, daß das Anwachsen der nationalsozialistischen Flut die »Marxisten« einschüchterte, sicherten den braunen Gewalthaufen, die auf der Straße Reichs­


bannermänner und Rot-Frontler niederschlugen, wohlwollende Behandlung durch die Staatsgewalt.

Waren Kapitalistenklasse und Junkertum’ nationalsozialistisch » geworden? Keineswegs. Im Grunde verachteten sie den »An­streicher«, der nach der Macht strebte, die ganze plebejische, von Kleinbürgern, Bauern, Deklassierten aller Klassen getragene, von utopistischem kleinbürgerlichem Antikapitalismus erfüllte Bewegung, die sie unterstützten. Aber ganz so, wie sich Giolitti in Italien des Faschismus bedienen zu können glaubte, um die rebellierende Arbeiterschaft einzuschüchtern, zurückzudrängen, zu pazifizieren, so glaubten in Deutschland Kapitalisten und Junker, sich der nationalsozialistischen Bewegung bedienen zu können, um den Einfluß der Sozialdemokratie und der Gewerk­schaften zu überwinden, den Widerstand der Arbeiterklasse ge­gen die Senkung der Löhne, gegen den Abbau der Arbeiter-schutzgebung und der Arbeiterversicherung, gegen die Deflations­politik einer Diktatur des Kapitals und des Großgrundbesitzes zu brechen. Aber hier wie dort ist der Faschismus den kapitalisti­schen Klassen bald über den Kopf gewachsen. Auch in Deutsch­land trat der Augenblick ein, in dem Junker und Kapitalisten nur noch die Wahl hatten, den Faschismus niederzuwerfen und dadurch die Machtverhältnisse mit einem Schlage zugunsten der Arbeiterklasse zurückzuverschieben oder die Staatsmacht dem Faschismus zu übergeben. In dieser Lage entschied die junker­liche Umgebung Hindenburgs für die Übergabe der Staatsmacht an Hitler. Wie in Italien traten auch hier die Repräsentanten der historischen bürgerlichen Parteien in die erste Faschistenregie­rung ein, glaubten sie auch hier, sich den Faschismus in der Re­gierung unterzuordnen und assimilieren zu können. Aber noch schneller als in Italien hat der deutsche Faschismus die einmal eroberte Staatsmacht benützt, die bürgerlichen Parteien aus der Regierung hinauszuschleudern, die Parteien und Organisationen der Bourgeoisie aufzulösen, seine »totalitäre« Diktatur zu etab­lieren. Audi hier schien der Klassenkampf damit zu enden, daß die faschistischen Gewalthaufen ihre Herrschaft über alle Klas­sen aufrichteten.

Der Faschismus rechtfertigt sich vor der Bourgeoisie gern da­mit, er habe sie vor der proletarischen Revolution, vor dem »Bolschewismus« gerettet. In der Tat hat der Faschismus in sei­ner Propaganda Intellektuelle, Kleinbürger und Bauern gern mit dem Gespenst des Bolschewismus geschreckt. Aber in Wirk­lichkeit hat der Faschismus nicht in einem Augenblick gesiegt, in dem die Bourgeoisie von der proletarischen Revolution be-


droht gewesen wäre. Er hat gesiegt, als das Proletariat schon längst geschwächt und in die Defensive gedrängt, die revolutio­näre Flut schon abgeebbt war. Die Kapitalistenklasse und der Großgrundbesitz haben die Staatsmacht den faschistischen Ge­walthaufen nicht deshalb überantwortet, um sich vor einer dro­henden proletarischen Revolution zu schützen, sondern zu dem Zweck, um die Löhne zu drücken, die sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse zu zerstören, die Gewerkschaften und die po­litischen Machtpositionen der Arbeiterklasse zu zertrümmern;

nicht also, um einen revolutionären Sozialismus zu unterdrücken, sondern um die Errungenschaften des reformistischen Sozialismus zu zerschlagen.

»Der rednerische Revolurionarismus der Maximalisten«, sagt Silone, »gefährdet nur die Lampen der Straßenbeleuchtung und manchmal die Knochen von einigen Polizeiagenten. Aber der Reformismus mit seinen Kooperativen, seiner Gehaltserhöhung in Krisenzeiten, seiner Arbeitslosenunterstützung bedroht etwas viel Heiligeres: den Kapitalprofit… Gegen den schwätzerischen Maximalismus, der vom Morgen bis zum Abend die »Bandiera rossa« und die »Internationale« singt, verteidigt sich der Kapi­talismus mit den Gesetzen und, wenn die alten nicht genügen, macht er neue; gegen den Reformismus, der auf friedlichem, de­mokratischem und gesetzlichem Weg das Gleichgewicht zwischen den Klassen stört, wird der Kapitalismus blutgierig und greift er zum faschistischen Banditen … Der Reformismus läuft nicht Gefahr, solange er schwach ist, sondern wenn er stark ist, d. h. wenn er die Grenzen erreicht, bei deren Überschreiten die Demo­kratie und die Gesetzlichkeit gegen den Kapitalgewinn ange­wendet werden.«2

In der bürgerlichen Demokratie herrscht die Kapitalisten­klasse, aber sie herrscht unter dem ständigen Druck der Arbeiter­klasse. Sie muß der Arbeiterklasse immer wieder, immer weitere Zugeständnisse machen. Der ständige Kampf des reformistischen Sozialismus und der Gewerkschaften um höhere Löhne, kür­zere Arbeitszeit, Ausbau der sozialen Gesetzgebung und Ver­waltung erschüttert freilich in der Zeit der aufsteigenden kapi­talistischen Entwicklung den Kapitalismus nicht; er hebt ihn vielmehr auf ein höheres technisches, soziales und kulturelles Ni­veau. Aber in den schweren Wirtschaftskrisen, die dem Weltkrieg gefolgt sind, erscheinen die Errungenschaften des reformistischen Sozialismus der Kapitalistenklasse als Hindernisse des »norma­len«, durch die Bewegungen der Profitrate bestimmten Produk-

2 Silone, Der Faschismus, Zürich 1934, S. 70, 71.


tions- und Zirkulationsprozesses. Sie ist entschlossen, alle wei­teren Zugeständnisse zu verweigern, die der Arbeiterklasse schon gemachten Zugeständnisse zu widerrufen. Die demokratischen Institutionen hindern sie daran; also wendet sie sich gegen die demokratischen Institutionen. Die demokratische Rechtsordnung erlaubt ihrer Staatsgewalt nicht, die staatlichen Gewaltmittel gegen den mit gesetzlichen Mitteln kämpfenden reformistischen Sozialismus einzusetzen; also bedient sie sich der ungesetzlichen privaten Gewaltmittel der faschistischen Banden neben ihrem gesetzlichen Staatsapparat. Aber wenn sie die faschistischen Ban­den auf das Proletariat losläßt, so wird sie selbst zur Gefange­nen der faschistischen Banden. Sie kann die faschistischen Ban­den, die sie gegen das Proletariat mobilisiert hat, nicht mehr nie­derwerfen, ohne sich der Revanche des Proletariats auszusetzen. Sie muß daher sich selbst der Diktatur der faschistischen Banden unterwerfen, ihre eigenen Parteien und Organisationen der fa­schistischen Gewalt preisgeben.

Die faschistische Diktatur entsteht so als das Resultat eines eigenartigen Gleichgewichts der Klassenkräfte. Auf der einen Seite steht eine Bourgeoisie, die die Herrin der Produktions- und der Zirkulationsmittel und der Staatsgewalt ist. Aber die Wirtschaftskrise hat die Profite dieser Bourgeoisie vernichtet. Die demokratischen Institutionen hindern die Bourgeoisie, ihren Willen dem Proletariat in dem Ausmaß, das ihr zur Wiederher­stellung ihrer Profite notwendig erscheint, aufzuzwingen. Diese Bourgeoisie ist zu schwach, um ihren Willen noch mit jenen geistigen, ideologischen Mitteln, durch die sie in der bürgerlichen Demokratie die Wählermassen beherrscht, durchzusetzen. Sie ist, durch die demokratische Rechtsordnung beengt, zu schwach, um das Proletariat mit gesetzlichen Mitteln, mittels ihres gesetz­lichen Staatsapparates niederzuwerfen. Aber sie ist stark genug, eine gesetzlose, gesetzwidrige Privatarmee zu besolden, auszu­rüsten, auf die Arbeiterklasse loszulassen. Auf der anderen Seite steht eine von dem reformistischen Sozialismus und von den Gewerkschaften geführte Arbeiterklasse. Reformismus und Ge­werkschaften sind stärker geworden, als es die Bourgeoisie er­trägt. Ihr Widerstand gegen die Hebung des Grades der Aus­beutung steht der Deflation im Wege. Er kann nicht mehr anders als durch Gewalt gebrochen werden. Aber wird der reformi­stische Sozialismus gerade um seiner Stärke willen, um der Größe seiner Erfolge willen, um der Kraft seines Widerstandes willen gewaltsam angegriffen, so ist er andererseits zu schwach, sich der Gewalt zu erwehren. Auf dem Boden der bestehenden


bürgerlichen Demokratie wirkend, an der Demokratie als seinem Kampfboden und seiner Kraftquelle festhaltend, erscheint er breiten kleinbürgerlichen, bäuerlichen, proletarischen Massen als eine »Systempartei«, als Teilhaber und Nutznießer Jener bür­gerlichen Demokratie, die sie vor der Verelendung durch die Wirtschaftskrise nicht zu schützen vermag. Er vermag daher die durch die Krise revolutionierten Massen nicht an sich zu ziehen. Sie strömen seinem Todfeind, dem Faschismus zu. Das Resultat dieses Gleichgewichts der Kräfte oder vielmehr der Schwäche beider Klassen ist der Sieg des Faschismus» der die Arbeiterklasse . im Dienste der Kapitalisten niederwirft aber im Solde der Kapi­talisten ihnen so über den Kopf wächst, daß sie selbst ihn schließlich zu unbeschränkten Herren über das ganze Volk und damit auch über sich selbst machen müssen.

Wie sich der Absolutismus der frühkapitalistischen Epoche, vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, auf der Basis, des, Gleichgewichts der Kräfte des Feudaladels und der Bourgeoisie ent­wickelt hat, wie der Bonapartismus des 19. Jahrhunderts das Resultat Jenes zeitweiligen Kräfteausgleichgewichtes zwischen der Bourgeoisie und dem Adel einerseits, zwischen dem Proleta­riat und der Bourgeoisie andererseits gewesen ist, das aus den Revolutionskämpfen von 1848 hervorging, so ist auch der neue, der faschistische Absolutismus das Ergebnis eines zeitweiligen Gleichgewichtszustandes, in dem weder die Bourgeoisie dem Pro­letariat ihren Willen mit den alten gesetzlichen Methoden auf­zwingen, noch das Proletariat sich von der Herrschaft der Bour­geoisie befreien konnte und beide Klassen daher unter die Dik­tatur der Gewalthaufen gerieten, die die Kapitalistenklasse ge­gen das Proletariat benutzt hat, bis sie sich schließlich selbst ihrer Diktatur unterwerfen mußte.

Aber ist die faschistische Diktatur aus einem Zustande des Gleichgewichts der Klassenkräfte hervorgegangen, so wird durch ihre Etablierung und Stabilisierung dieser Gleichgewichtszu­stand aufgehoben. Die Kapitalistenklasse hat allerdings, als sie dem Faschismus die Macht überantwortete, ihre eigenen Regie­rungen, Parteien, Institutionen, Organisationen, Traditionen, einen ganzen großen Stab von Männern, die ihr Vertrauen ge­nossen und ihr gedient haben, dem Faschismus preisgeben müs­sen. Aber der führenden Schicht der Bourgeoisie, den Großkapitalisten und den Großgrundbesitzern gelingt es nach der Etablierung der faschistischen Diktatur überaus schnell, auch das neue Herrschaftssystem in ein Instrument ihrer Klassenherrschaft, auch die neuen Herren in ihre Diener zu verwandeln.


Gewiß, die faschistische Diktatur erscheint zunächst auch der Kapitalistenklasse gegenüber selbständiger und selbstherrlicher, auch gegen sie stärker als die Regierungsgewalt der bürgerlichen Demokratie. Der faschistische Terror bedroht auch den Kapitalisten. Die faschistische Diktatur löst auch kapitalistische Organisationen auf oder stellt sie doch unter ihre Vormundschaft. Die faschistische Diktatur unterwirft sich auch die kapitalistische Presse.. Sie verwandelt die Preßorgane des Kapitals in Preßorgane der Regierungsgewalt und beraubt dadurch das Kapital der selbständigen Verfügung über das wichtigste Mittel zur Be­einflussung der Volksmassen. Aber wenn die faschistische Dik­tatur auch. .über die Kapitalistenklasse Herrschte so wird sie dennoch unvermeidlich zum Vollzugsorgan der Bedürfnisse» der Interessen, des Willens der Kapitalistenklasse.

Wir haben in unserer Darstellung der bürgerlichen Demokra­tie den ökonomisch-ideologischen Mechanismus beschrieben, mit­tels dessen die Kapitalistenklasse die Wählerschaft, die Parteien, die Regierungen der bürgerlichen Demokratie ihren Bedürfnis­sen, ihren Profiten, ihrem Willen dienstbar macht. Dieser ganze Mechanismus bleibt auch unter der faschistischen Diktatur voll wirksam. Auch unter der faschistischen Diktatur bleibt der Gang der Volkswirtschaft abhängig von der Profitrate und kann sich daher Jedes Interesse des Profits als Interesse der Volksgemein­schaft verkleiden. Auch unter der faschistischen Diktatur bleiben Staat und Volkswirtschaft abhängig vom Kredit und maskiert sich daher Jedes Interesse der Hochfinanz als Interesse des Staa­tes und der Volkswirtschaft. Auch unter der faschistischen Dik­tatur können die Großwürdenträger des Eigentums ihre Inter­essen als Interessen der Masse der kleinen Eigentümer durch­setzen.

Aber wenn Kapitalisten und Großgrundbesitzer ihre Klassen­herrschaft auch unter der faschistischen Diktatur behaupten, so fallen mit der Etablierung der ^faschistischen Diktatur die Hem­mungen, die Gegengewichte weg, die in der bürgerlichen Demo­kratie ihre Klassenherrschaft beschränken. In der bürgerlichen Demokratie konnte die Kapitalistenklasse ihre Herrschaft nur mittels der großen bürgerlichen Massenparteien ausüben, die sich bei den Wahlen vor den Massen des Bürgertums, der Bauernschaft, der Angestelltenschaft verantworten und um ihre Stimmen werben, die daher auf die Interessen, die Meinungen, die Stimmungen dieser Massen Rücksicht nehmen müssen. » unter -s der faschistischen Diktatur können Kapitalisten „und Groß­grundbesitzer durch ihre Macht über die Volkswirtschaft, über


den Geschäftsgang über den öffentlichen Kredit die Diktatoren nicht weniger unmittelbar beeinflussen als in der bürgerlichen Demokratie; die Massen des Bürgertums und der Bauernschaft dagegen sind durch die Gleichschaltung ihrer Organisationen, durch die Aufhebung der Pressefreiheit und der Freiheit des Wahlkampfes mundtot gemacht, sie können ihre Interessen nicht mehr verfechten. Hat in der bürgerlichen Demokratie die ganze Bourgeoisie, wenngleich unter der Führung des Großkapitals, geherrscht, so herrschen unter der faschistischen Diktatur nur noch Großkapital und Großgrundbesitz, während die Masse » des Bürgertums und der Bauernschaft machtlos wird.

In der Periode seines Kampfes um die Macht, hat sich der Faschismus allerdings gerade auf kleinenbürgerliche und bäuerliche Massen, auf Massen, die durch die Wirtschaftskrise verelendet, revolutioniert, mit antikapitalistischen Stimmungen erfüllt wor­den waren, gestützt. Aber einmal zur Macht gekommen, gerät er unvermeidlich unter den bestimmenden Einfluß der kapitali­stischen Gesellschaftsmächte und muß daher den utopistischen kleinbürgerlichen Radikalismus seiner eigenen Gefolgschaft niederringen. In Italien geschah dies in heftigen Kämpfen innerhalb der faschistischen Partei im Jahre 1923. In Rom spaltete sich die Partei in zwei Fraktionen. In Livorno und in Bologna griffen oppositionelle Gruppen die Parteizentrale an. In vielen Orten gab es Rebellionen mit der Parole eines »zweiten Marsches auf Rom«. Die Diktatoren warfen diese Kleinbürgerrebellion mit der Ausschließung zehntausender Schwarzhemden aus der Par­tei, mit dem Verbot aller Provinzialkongresse, mit der Aus­wechslung der Unterführer und Komitees nieder. In den Jahren 1923 bis 192^ wurde die faschistische Partei in ein gefügiges In­strument der Staatsgewalt verwandelt, innerhalb dessen es keine freie Diskussion, keine freie Führerwahl, keine eigene Willens­bildung mehr gibt. Damit war die Entmachtung des Kleinbür­gertums vollendet; die unter dem Einfluß der Großkapitalisten und der Großgrundbesitzer verbleibende Diktatur herrscht über Kleinbürger und Bauern.

Derselbe Prozeß vollzog sich in Deutschland. Hitler hat die Kleinbürgerrebellion der SA, die nach der »zweiten Revolution« schrie, mit den Morden vom 30» Juni 1934 niedergeworfen, die Partei mit der Proklamation »der Führer ist die Partei« in ein bloßes Herrschaftsinstrument der Diktatur verwandelt und da­mit die kleinbürgerlichen Widerstände gegen die kapitalistische Diktatur gebrochen. Den Kleinbürger zu befriedigen, läßt er seinen Haß gegen die Juden sich austoben.


Die bürgerliche Demokratie hat allen Staatsbürgern den Ge­nuß der individuellen Freiheitsrechte, dem ganzen Volke die freie Wahl der gesetzgebenden Körperschaften und durch sie die Kontrolle der öffentlichen Verwaltung gesichert. Herrschte auch in ihr die Bourgeoisie, so war ihre Herrschaft doch durch das Gewicht der Masse der proletarischen Wähler und durch die Kraft der proletarischen Organisationen beschränkt. Der Fa­schismus vernichtet alle individuellen Freiheitsrechte, er hebt die Freiheit der Wahl auf, er zerstört die proletarischen Organisa­tionen, – die Arbeiterklasse wird damit vollkommen entrechtet und entmachtet. An die Stelle der durch die demokratischen In­stitutionen beschränkten Klassenherrschaft, tritt die »totalitäre«, d. h. unbeschränkte Klassenherrschaft, die Diktatur. Die faschi­stische Konterrevolution bedeutet _ also den Obergang von der durch die demokratischen Institutionen beschränkten Klassen­herrschaft der gesamten Bourgeoisie zu der unbeschränkten Dik­tatur der Großkapitalisten und der Großgrundbesitzer.

Die Gesellschaftsordnung ist stärker als die Staatsverfassung. Die ökonomische Macht des Kapitals ordnet sich jede Staats­gewalt unter, solange die Kommandohöhen der Wirtschaft in den Händen des Kapitals bleiben. Die bürgerliche Demokratie ist nicht aus dem Willen der Kapitalisten entstanden; sie war das Resultat der Klassenkämpfe der Arbeiter, der Kleinbürger, der Bauern gegen die Kapitalistenklasse. Trotzdem ist sie, ein­mal stabilisiert, zum Herrschaftsmittel der Kapitalistenklasse ge­worden. Trotzdem haben gerade die Kämpfe auf ihrem Boden den Kapitalismus auf ein höheres technisches, soziales und kul­turelles Niveau gehoben, die Kleinbürgerparteien, die einst im Kampfe gegen die Kapitalistenklasse aufgestiegen waren, in Werkzeuge der Kapitalistenherrschaft verwandelt, die revolu­tionäre Gärung in den Arbeitermassen beendet, die Arbeitermas­sen reformistisch pazifiziert. So ist auch die faschistische Dikta­tur ursprünglich keineswegs von der Kapitalistenklasse gewollt worden. Eine plebejische, rebellische, von antikapitalistischen Stimmungen erfüllte Bewegung der durch Krieg und Krisen aus dem bürgerlichen Erwerbsleben hinausgeschleuderten Deklas­sierten aller Klassen hat im Gefolge der wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen der Nachkriegszeit verelendete, rebel­lierende, antikapitalistisch gestimmte Massen von Kleinbürgern und Bauern mitzureißen vermocht. Die Kapitalistenklasse hat sich dieser plebejischen rebellischen Bewegung bedient; aber sie dachte ursprünglich keineswegs daran, ihr die Macht zu über­antworten. Sie hat es schließlich nicht ohne Widerstreben und


Besorgnis tun müssen. Aber indem diese Kleinbürgerrebellion die Demokratie zerschlug und damit die Volksmassen entrechtete und entmachtete, während die ökonomische Macht und damit auch der ideologische und politische Einfluß des Großkapitals und des Großgrundbesitzes ungebrochen blieb, ging gerade aus der. plebejischen. Rebellion der Deklassierten aller Klassen, ge­rade aus der antikapitalistischen Rebellion der Kleinbürger und der Bauern, gerade aus dem zeitweiligen Gleichgewicht der Klassenkräfte die schrankenlose Diktatur des Großkapitals und des Großgrundbesitzes hervor.

Aber wenn mittels der faschistischen Diktatur die Kapitalistenklasse herrscht, so ist doch in der faschistischen Diktatur so wenig wie in den früheren Staatsordnungen des Kapitalismus die herrschende Klasse identisch mit der regierenden Kaste. In der Zeit des liberalen Staates hat die herrschende Kapitalisten­klasse die Besorgung der parlamentarischen, die Führung der Regierungsgeschäfte in vielen Ländern den liberalen Fraktionen des Grund- und des Amtsadels überlassen: in England den Whigs, in Österreich dem »verfassungstreuen Großgrundbesitz« und der »josefinischen« Bürokratie, in Rußland dem Semstwoliberalismus.3 In der bürgerlichen Demokratie hat die Bour­geoisie mittels der regierenden Kaste der Berufspolitiker der bürgerlichen Massenparteien geherrscht. Unter der faschistischen Diktatur üben Großkapital und Großgrundbesitz ihre Dikta­tur aus, indem sie sich der regierenden Kaste bedienen, die durch den Sieg des Faschismus zur Macht gelangt ist. Wie im liberalen, wie im demokratischen Staat entstehen auch hier zeitweilig Spannungen, Gegensätze, Konflikte zwischen der herrschenden Klasse und der regierenden Kaste. Diese Gegensätze, zeitweilig schroff in den Anfängen der faschistischen Diktatur, gemildert, sobald der Faschismus den utopistischen kleinbürgerlichen Radikalismus in seinen eigenen Reihen niedergeworfen hat, entstehen doch im­mer von neuem; die aus der Wirtschaftskrise hervorgegangene, vom Faschismus weiter entwickelte »dirigierte Ökonomie« zwingt die faschistische Diktatur tagtäglich zu wirtschaftlichen Entscheidungen, die die Interessen bald dieser, bald jener Frak­tion der herrschenden Kapitalistenklasse verletzen und dadurch die regierende faschistische Herrenkaste in Gegensatz zu Frak­tionen der herrschenden Kapitalistenklasse setzen.

In der ersten Phase ihrer Entwicklung kann die faschistische Diktatur allerdings nicht nur die ganze Kapitalistenklasse, son-

3 Marx und Engels, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Rjasanoff, Stuttgart 1917, I. Bd., S. 4, 5; II. Bd. S 129, 164, 166.


dem über sie hinaus breite Volksmassen um sich scharen. Denn der einheitliche starke rücksichtslose Wille der Diktatur kann Leistungen vollbringen, zu denen die Demokratie, durch die in­neren Kämpfe zerrissen, von Kompromiß zu Kompromiß schwankend, zu rücksichtslosem Vorgehen gegen widerstrebende Sonderinteressen wenig tauglich, nicht fähig gewesen war. Der Offiziersgeist der Diktatoren erzwingt Autorität und Disziplin in der öffentlichen Verwaltung; ganz Europa ist entzückt, weil die Eisenbahnzüge in Italien pünktlicher als vorher ankommen. Rücksichtsloses Zugreifen schüchtert den Schieber ein; so kann die Diktatur die Verschleppung des nationalen Geldes ins Aus­land verhindern, sein Angebot auf den ausländischen Märkten verknappen und dadurch seinen Kurs halten, auch wenn sie große Mittel für Arbeitsbeschaffung und Aufrüstung inflatio­nistisch aufbringt. Viel weniger als die bürgerliche Demokratie durch Sonderinteressen einzelner kapitalistischer Schichten, durch wirtschaftspolitische Traditionen und Vorurteile gehemmt, kann sie die »dirigierte« Ökonomie viel schneller entwickeln, die Arbeitslosigkeit mit den Mitteln inflationistischer und über-protektionistischer Wirtschaftspolitik schnell eindämmen. Rück­sichtslos drückt die Diktatur die Löhne, baut sie die »sozialen Lasten« ab; so kann sie die Profite wiederherstellen. Rücksichts­los verhält sie, die Arbeitslosen zur Zwangsarbeit; so kann sie sich großer öffentlicher Arbeiten rühmen. Aus einer nationali­stisch-militaristischen Bewegung hervorgegangen, wirft sie alle regionalen Partikularismen gewaltsam nieder und stellt damit die nationale Einheit her, treibt sie kühne auswärtige Politik und Rüstungspolitik, deren Aggressivität die demokratischen Staaten erschreckt und in die Defensive drängt; so wird ihr Pre­stige durch große Erfolge gehoben.

Aber im weiteren Verlaufe der Entwicklung verengert sich die gesellschaftliche Basis der faschistischen Diktatur. Sie kann dank der Regulierung des Zahlungsverkehrs mit dem Auslande den Kurs des nationalen Geldes lange Zeit halten, auch wenn sie es im Inlande durch inflationistische Beschaffung der Mittel für Arbeitsbeschaffung und Aufrüstung entwertet; aber die Span­nung zwischen Kurs und Kaufkraft wird zum Hindernis des Exports und die inflationistische Entwertung des Geldes im In­lande wird den Volksmassen in drückender Teuerung fühlbar. Militaristisch-nationalistisch gerichtet, baut die Diktatur die »di­rigierte Wirtschaft« zur Vorbereitung der Kriegswirtschaft aus und bürdet damit nicht nur den breiten Volksmassen schwere Opfer auf, sondern gerät auch mit mächtigen kapitalistischen In-


teressen in Widerstreit. Die hohen Kosten der Aufrüstung, die sie betreibt, belasten nicht nur die Volksmassen, sondern auch das Kapital. Ihre aggressive nationalistische Außenpolitik stürzt das Land in Verwicklungen, die im Kriege zu enden drohen. Ihr Anspruch auf »totalitäre« Beherrschung des ganzen Lebens der Nation, auch ihres geistigen Lebens, gerät in Widerstreit mit Traditionen und Ideologien vieler Schichten der Bourgeoisie. So geraten große Fraktionen der herrschenden Kapitalistenklasse in Opposition gegen die Diktatur der regierenden faschistischen Kaste. Nur die gewaltgläubigsten, gewaltbedürftigsten Frak­tionen der Kapitalistenklasse, diejenigen, denen die gewaltsame Niederhaltung des Proletariats im Innern und eine kühne, krie­gerische Politik nach außen jedes wirtschaftliche Opfer und jedes Opfer des Intellekts wert sind, bleiben um die Diktatur geschart, bleiben ihre Stützen und ihre Herren zugleich. Die Diktatur des Kapitals mittels der aus der militärisch-nationalistischen Kriegsteilnehmerbewegung hervorgegangenen Herrenkaste verengert sich zur Diktatur der kriegerischen Fraktion der Kapitalisten­klasse.

Die pazifistischen Elemente der Kapitalistenklasse,— die auf den Export angewiesene Fertigfabrikat-Industrie, die friedli­chen Warenaustausch zwischen den Völkern braucht; der Han­del, der durch die Kriegswirtschaft unterbunden wird; die Rent­nerklasse, die den Sturz der Anlagepapiere im Kriegsfalle fürch­tet, – werden in den Hintergrund gedrängt. Die kriegerischen Elemente der Kapitalistenklasse, vor allem die Rüstungsindu­strien und die mit dem Offizierskorps versippte grundbesitzende Aristokratie, erlangen die Oberhand. Da das Kapital seine Dik­tatur mittels der kriegerischen Führerkaste ausübt, die aus der nationalistisch-militaristischen Kriegsteilnehmerbewegung her­vorgegangen ist, obsiegen innerhalb der Kapitalistenklasse die kriegerischen Tendenzen. Die aggressive, expansionistische, gegen die Machtverteilung, die aus dem letzten Kriege hervorgegangen ist, gerichtete Politik der faschistischen Mächte verschiebt alle Machtverhältnisse auf dem Kontinent, sie erfüllt alle Staaten mit gegenseitigem Mißtrauen, sie führt zu neuem Wettrüsten, sie droht in neuem Kriege zu enden.

Es ist natürlich kein Zufall, daß eine solche kriegerische Dik­tatur des Kapitals gerade in Italien und in Deutschland zuerst obsiegt hat. In beiden Ländern war ihr Sieg durch die besondere nationalpolitische Situation gefördert: in Italien durch die be­sondere Gestaltung, die der Klassenkampf unter der Einwirkung des Kampfes für und gegen das Eingreifen Italiens in den Krieg


angenommen hatte; in Deutschland durch die Wirkungen der Niederlage im Kriege. Aber hat der Faschismus einmal in zwei großen Staaten gesiegt und seine Herrschaft stabilisiert, so kann sein Vorbild auch in anderen Ländern und unter anderen Um­ständen, in denen nicht dieselben national-politischen Voraus­setzungen gegeben sind, nachgeahmt werden.

Der Faschismus hat der Kapitalistenklasse aller Länder ge­zeigt, daß eine entschlossene Minderheit wagemutiger Lands­knechte genügen kann, das ganze Volk aller Freiheitsrechte, aller demokratischen Institutionen, aller selbständigen Organisatio­nen zu berauben, die Arbeiterklasse völlig niederzuwerfen, eine kapitalistisch-militaristische Diktatur aufzurichten. Dieses Bei­spiel lockt zur Nachahmung auch dort, wo die Voraussetzungen des Sieges des Faschismus nicht dieselben sind wie in Italien und in Deutschland. Kennzeichnend dafür ist die Entstehung der faschistischen Diktatur in Österreich.

Österreich war durch die Niederlage im Weltkrieg noch weit schwerer getroffen worden als Deutschland. Das große Reich zerfiel, ein kleines Ländchen, politisch ohnmächtig, wirtschaftlich hilflos, blieb von ihm übrig. Seine Industrie, ihrer alten Absatz­gebiete beraubt, schrumpfte zusammen. Sein Bürgertum und seine Bauernschaft schwankten zwischen der Hoffnung auf den Anschluß an das Deutsche Reich und der Hoffnung auf die Wie­derherstellung der alten Donaumonarchie. Eine faschistische Be­wegung entstand auch hier; aber sie enthielt von Anfang an in sich den Keim der Spaltung zwischen den deutsch-national und den österreichisch-patriotisch gesinnten Elementen; zwischen de­nen, die den Anschluß an Deutschland, und denen, die die Wie­derherstellung der Habsburgermonarchie als ihr letztes Ziel be­trachteten; zwischen dem von der Schwerindustrie, die deutsches Kapital beherrschte, subventionierten faschistischen Nationalis­mus und der von dem aristokratischen Großgrundbesitz geführ­ten schwarz-gelben Reaktion. Als der Nationalsozialismus in Deutschland siegte, eroberte er im Sturm auch große Teile des deutschösterreichischen Volkes; der altösterreichische, habsburgisch gesinnte klerikale Separatismus setzte sich gegen die dro­hende Aufsaugung des Landes durch das Dritte Reich zur Wehr. Die deutsch-österreichische Bourgeoisie, durch den alten Gegen­satz zwischen ihrem Deutschtum und ihrem Österreichertum zerrissen, konnte mit demokratischen Mitteln ihre Herrschaft nicht mehr aufrechterhalten. Ihre österreichisch-klerikale Frak­tion hätte, um den Ansturm des Nationalsozialismus auf dem Boden der Demokratie abzuwehren, die Bundesgenossenschaft


der Arbeiterklasse suchen müssen und wäre dadurch zur Gefan­genen der Arbeiterklasse geworden; das wollte sie am allerwe­nigsten in dem Augenblick, in dem der Sieg Hitlers über die deutschen Arbeiter ihren Wunsch stärkte, auch in Österreich die Macht der Arbeiterklasse zu zerbrechen. So entschloß sich die klerikale, österreichisch-patriotische, dem Anschluß an Deutsch­land feindliche Fraktion der deutschösterreichischen Bourgeoisie, die Staatsgewalt zur Aufrichtung einer Diktatur zu benützen, die den deutsch-nationalistischen Faschismus und die Arbeiter­klasse zugleich gewaltsam niederhalten soll. Sie ahmte da­bei äußerlich die Methoden des Faschismus nach. Sie knüpfte an die faschistische Ideologie an und verknüpfte sie mit katho­lischem Klerikalismus. Aber in Wirklichkeit ist ihre »Vaterlän­dische Front« nicht, wie die faschistische Partei Italiens und die nationalsozialistische Partei Deutschlands, aus einer volkstüm­lichen Massenbewegung hervorgegangen, sondern von der Re­gierung erfunden und gegründet, mit den Gewaltmitteln des Staates den Volksmassen aufgezwungen worden. In Wirklichkeit ist der Faschismus hier nicht das Naturprodukt elementarer Massenbewegungen und Klassenkämpfe, sondern ein Artefakt, das die gesetzliche Staatsgewalt dem Volke auferlegt hat.

Die Entwicklung der Waffentechnik hat die Staatsgewalt ge­gen die Volksmassen mächtig gestärkt: im Besitze von Maschi­nengewehren, Geschützen, Tanks, Panzerzügen, Kriegsflugzeu­gen, Giftgasen kann die Staatsgewalt Jedes Volk niederwerfen, seiner Freiheitsrechte und seiner demokratischen Institutionen berauben. Die Entwicklung der »dirigierten Wirtschaft« ver­größert gewaltig die Macht des Staates über alle Unternehmun­gen und damit über die in ihnen arbeitenden Volksmassen; diese gewaltige Macht des Staates kann zum politischen Herrschafts­mittel werden und ist zu ihm geworden. Die moderne Technik, vor allem Rundfunk und Film, monopolisieren wirksame Mit­tel zur geistigen Beeinflussung der Volksmassen in den Händen des Staates. Der Faschismus hat alle Mittel der Massenorganisa­tion und der Massendemonstrationen, die die Parteien auf dem Boden der Demokratie entwickelt hatten, vor allem die Kinder- und Jugendorganisation, die politische Verwertung des Sports, die Suggestivwirkung großer Massenaufmärsche, aus Mitteln des Kampfes der Volksmassen in Mittel ihrer Beherrschung verwan­delt. Ober alle diese Mittel der militärischen Gewalt, der öko­nomischen Macht und der geistigen Massenbeherrschung verfü­gend, kann die Kapitalistenklasse überall die Staatsgewalt dazu benutzen, Ansätze faschistischer Bewegungen, die sich unter dem


Eindruck des deutschen und italienischen Beispiels überall bilden, schnell und mächtig zu entwickeln und sie zur Aufrichtung ihrer Diktatur zu benützen. So hat die legale Staatsgewalt, die Me­thoden des italienischen und des deutschen Faschismus nachah­mend, die Diktatur in Österreich und in den baltischen Ländern aufgerichtet. So ringen nun in allen kapitalistischen Ländern faschistische Verbände um eine Gelegenheit, sich mit der legalen Staatsmacht zu alliieren und durch sie zur Macht zu kommen.

Die Siegesaussichten des Faschismus sind allerdings keineswegs in allen Ländern gleich. Sie sind in Ländern, deren kapitalisti­sche Wirtschaft besonders schwere Erschütterungen erlitten hat, als in Ländern mit starkem, widerstandsfähigerem Ka­pitalismus. Sie sind in Ländern, die vor nicht langer Zeit durch große revolutionäre Prozesse hindurchgegangen sind, weit größer als in Ländern, die seit vielen Jahrzehnten keinen Krieg und keine Revolution erlebt haben. Sie sind in Ländern, deren De­mokratie alt und in den Vorstellungen des Volkes tief verwur­zelt ist, kleiner als in jungen Demokratien. Aber es gibt kaum ein kapitalistisches Land, in dem nicht die Möglichkeit bestünde, daß die Kapitalistenklasse in einem Augenblick schwerer wirt­schaftlicher und sozialer Erschütterungen, in einem Augenblick scharfer Zuspitzung der Klassengegensätze die Staatsgewalt zur Zertrümmerung der Demokratie, zur Aufrichtung ihrer Dikta­tur benützt. Gewiß, auch die Bourgeoisie, auch die einzelnen Mitglieder der Kapitalistenklasse haben schwere Hemmungen zu überwinden, ehe sie sich zum Faschismus entschließen, – Hem­mungen, die in der ganzen Geschichte der Bourgeoisie begründet, in ihrer ganzen Tradition und Ideologie’ gelegen sind. Denn die faschistische Diktatur zerstört die wertvollsten rechtlichen und kulturellen Errungenschaften des ganzen Zeitalters bürgerlich­kapitalistischer Entwicklung von der Reformation über die bür­gerliche Revolution bis zur bürgerlichen Demokratie. Sie zer­stört rechtsstaatliche Einrichtungen, die schon der Absolutismus unter dem, Einfluß der bürgerlichen Aufklärung begründet, durch die er dem Bürger Rechtssicherheit und Rechtsschutz zu­gestanden hat. Sie zertrümmert die Freiheitsrechte, die der bür­gerliche Liberalismus einst dem Absolutismus abgerungen hat, und vernichtet demokratische Organisationen und Körperschaf­ten, die das Bürgertum aufgebaut und durch die es seine Inter­essen gewahrt hat. Sie vernichtet die geistige Freiheit, in der allein bürgerliche Wissenschaft sich entfalten konnte. Sie unter­wirft jeden Einzelnen der schrankenlosen Willkür der Machtha­ber, sie gibt die physische Existenz jedes Einzelnen der Miß-


Handlung und Vernichtung durch faschistische Banditen, die wirtschaftliche Existenz auch des Bürgers der Allgewalt des Staates preis. Sie wirft mit alledem die Gesellschaft in einen seit Jahr­hunderten überwundenen Zustand der Barbarei zurück. Aber vor die Wahl zwischen ihren Profiten und ihren Traditionen, ihren Ideologien, den Errungenschaften ihrer eigenen Geschichte gestellt, wählt die Kapitalistenklasse ihre Profite. Vor die Wahl zwischen der Bedrohung ihrer Profite und der Barbarei gestellt, wählt sie die Barbarei.

Die große Welle des Faschismus, die sich im Gefolge der Weltwirtschaftskrise über Europa ergoß, erreichte ihren Höhepunkt in den Jahren 1933 und 1934. Nach den Siegen des Faschismus in Deutschland, Österreich und den baltischen Ländern erstark­ten faschistische Bewegungen in allen demokratischen Staaten. Aber infolge des wirtschaftlichen Belebungsprozesses der Jahre 1934 und 1935 kamen diese Bewegungen nicht zur Entwicklung. Wo sich, wie in Großbritannien, in den skandinavischen Ländern, in Belgien, die wirtschaftliche Lage fühlbar gebessert hat, ebbte die faschistische Welle bald wieder ab. Nur in Frankreich, das später als die anderen Länder von der Wirtschaftskrise erfaßt wurde, wo die Krise später ihren Tiefpunkt erreicht hat, wo die Bourgeoisie die Krise später als in den anderen Ländern mit den Mitteln der Deflation bekämpft hat, blieb der Faschismus eine aktuelle Bedrohung der Demokratie. Damit blieb er freilich al­len demokratischen Ländern des Kontinents gefährlich; denn wenn er in Frankreich siegte, so könnte sich kaum noch eine der kontinentalen Demokratien seines Angriffs erwehren. Aber selbst wenn mit der allmählichen Überwindung der Weltwirt­schaftskrise die faschistische Gefahr in den noch demokratischen Ländern zunächst schwinden sollte, werden neue Wellen faschi­stischer Gefahren kommen, sobald der wirtschaftlichen Belebung schwere Rückschläge folgen, sobald große Klassenkämpfe, Kriegsgefahr und Krieg die kapitalistische Gesellschaft neuer­lich erschüttern. Hat schon die Bedrohung der Profite durch die Weltwirtschaftskrise genügt, die Bourgeoisie dem Faschismus in die Arme zu werfen, so wird die Bourgeoisie erst recht ihre Zu­flucht in der Diktatur suchen, wenn erst ihr Eigentum selbst, ihre Gesellschaftsordnung bedroht sein wird.

Diese Erfahrung zerstört die Illusion des reformistischen So­zialismus, daß die Arbeiterklasse friedlich und allmählich durch bloße Ausnützung der demokratischen Institutionen, ohne revolutionären Sprung die Formen der Demokratie mit sozialisti­schem Inhalt erfüllen, die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu


einer sozialistischen entwickeln könne. Hat die Arbeiterklasse erlebt, daß die Schärfe der Klassengegensätze die Demokratie sprengt, um die faschistische Diktatur des Kapitals aufzurichten, so muß sie erkennen, daß eine vollkommene und dauerhafte Volksfreiheit erst gesichert sein wird, wenn die Klassen selbst und damit die Klassengegensätze der kapitalistischen Gesell­schaftsordnung aufgehoben sein werden. Hat sie gehofft, durch Ausnützung der Demokratie eine sozialistische Gesellschafts­ordnung erringen zu können, so muß sie jetzt erkennen, daß sie zuerst ihre eigene Herrschaft erkämpfen und durch sie eine so­zialistische Gesellschaftsordnung aufbauen muß, ehe eine voll­kommene und dauerhafte Demokratie möglich wird.

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Une Réponse to “1936 Der Faschismus [Bauer]”

  1. Thomas Steiner Says:

    Ich möchte hier darauf Hinweisen, dass nicht die ungebildete Arbeitschicht damals die Hauptgruppe war die Hitler gewählt haben, sondern der solide Mittelstand!
    In den 30er Jahren gab es eine Börsenoption die sich Margin-Loan nennt ( http://de.wikipedia.org/wiki/Margin ), es schien damals so als ob man durch diese Option nur Geld verdienen kann. Leider hatte diese Option einen entscheidenden Schwachpunkt durch den viele Leute aus dem Mittelstand, die an der Börse spekuliert hatten ihr Geld verloren haben.

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